Dienstag, 20. Juni 2017


Eine Annäherung an das künstlerische Werk Helmut Schweizers



1. Es wäre schön, wenn die Dinge immer so einfach wären, wie manche Auguren sie gerne hätten. Aber dem ist nicht so. Tugendhafte Intentionen können Konsequenzen zeitigen, die bestehenden guten Absichten vollends zuwiderlaufen1. Moralisch verwerfliche Intentionen wiederum können äußerst fruchtbare Auswirkungen haben2. Und kommt es zu unzähligen gleichgerichteten intentionalen Handlungen, so ist ihr konkretes kollektives Resultat eine kausale Folge, die weder intendiert noch wirklich vorhersehbar ist3.

Solange wir uns im überschaubaren Rahmen kleiner Gruppen bewegen, sind dies theoretische Überlegungen, deren lebenspraktische Relevanz sich in Grenzen hält. Zumal dann, wenn die Intentionen auf wissenschaftliche Erkenntnisse oder technische Möglichkeiten rekurrieren, deren Potential ebenso überschaubar ist. Was aber, wenn sich die Dimensionen grundlegend ändern?

In seinem 1914 erschienenen, geradezu prophetischen Roman ‚Befreite Welt’ (The World Set Free) entwickelte der britische Autor H. G. Wells ein dystopisches Szenario. Er beschreibt die Entdeckung einer Energiequelle von titanischem Format: die Kernenergie. Sie läutet in seinem Roman nicht nur das Ende des Kohle- und Stahlzeitalters ein, das dabei als kausales kollektives Resultat gleichgerichteter intentionaler Handlungen einen nicht-intendierten globalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Struktur­wandel auslöst, der den größten Teil der Menschheit ins soziale Abseits befördert – sie bringt ebenso ungewollt, quasi als Abfallprodukt, auch eine Waffe apokalyptischen Ausmaßes hervor: die Atombombe.

Was möglich ist, das wissen wir nur zu gut aus der Geschichte, wird irgendwann auch wahrscheinlich: Die Waffe ist in der Welt. Also ist es nur eine Frage der Zeit, wann sie auch zum Einsatz kommt. Die Katastrophe bricht mit geradezu unausweichlicher Zwangsläufigkeit über die Menschheit herein, die Welt sieht ihrer nuklearen Vernichtung entgegen, die, nüchtern betrachtet, logisches resp. wahrscheinliches, aber nicht-intendiertes Resultat intentionaler Handlungen ist, wurde doch in Wells Roman die Kernenergie von den Menschen in die Welt gesetzt, um sie besser zu machen, nicht aber, um sie zu zerstören.

Das ist aber nun einmal das Schicksal aller großer Potentiale: Sie sind nicht beherrschbar. Irgendwann läuft immer etwas schief. Und dann muss es noch nicht einmal, wie bei Wells, zum Äußersten durch Menschenhand kommen. Da würde in Friedenszeiten auch schon eine profane, rein technisch bedingte Kernschmelze im maroden belgischen Kraftwerk Tihange bei Aachen ausreichen, um diese Gefahr anhand einer Kontaminierung Nordrhein-Westfalens durch hochradioaktiven Niederschlag deutlich zu machen.


2. 1946, dem Geburtsjahr von Helmut Schweizer, war die Welt in hellem Aufruhr. Wells Antiutopie war `45 mit dem Abwurf der ersten Atombombe, Kosename „Little Boy“, Realität geworden. Das Grauen von Hiroshima, dem nur drei Tage später Nagasaki folgen sollte, erschütterte, gemeinsam mit den ersten Bildern aus den befreiten deutschen Vernichtungslagern, das Weltgewissen. Die Büchse der Pandora war geöffnet, nichts war mehr wie vorher.

Die Menschen waren verunsichert. Orientierungslos. Hin- und hergerissen. Die alten Werte waren nichts mehr wert, die Welt schien vollends Kopf zu stehen. Neue Allianzen wurden geschmiedet, alte brachen auseinander. Wer gestern Freund war, war heute Feind und vice versa. Kolonialreiche zerfielen, der schwarze Kontinent erwachte, kommunistische Großmächte entstanden. Der kalte Krieg war mit der Entwicklung der sowjetischen Atombombe von einem filigranen Gleichgewicht des Schreckens geprägt, das jederzeit zu zerbrechen drohte. Der Koreakrieg – ein Waffe gewordenes Menetekel.

Stand die Menschheit, stand man selbst, als Individuum, am Abgrund der Geschichte? Wie mit den verwirrenden Ereignissen umgehen? Ignorieren, verdrängen, sich in die innere Emigration zurückziehen? Oder den Aufstand proben und rebellieren? Auch viele Intellektuelle und Künstler, Philosophen, Psychologen und Soziologen waren in diesen Jahren aufgewühlt und mitgerissen. Sensibilisiert in unzähligen Debatten wollten sie weg vom geist- und verantwortungslosen, kollektiv determinierten Konformismus, weg vom „Mann im grauen Flanell“ 4, dem Heidegger’schen ‚Man’, hin zu einer selbst und frei bestimmten Individualität5.

Charlie Parker sprengte mit seinen fiebrigen Bebop-Improvisationen die Stereotypen des Swing. George Orwell dystopischer Roman „1984“ zeichnete 1949 das düstere Bild eines totalitären Überwachungsstaats. Der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin schrieb aus dem selbstgewählten französischen Exil verzweifelt gegen seine doppelte Stigmatisierung als schwarzer Intellektueller und Homosexueller an. Simone de Beauvoir veröffentlichte ihr bahnbrechendes Werk „Das andere Geschlecht“, in dem sie die Rolle der Frau als zum Objekt degradiertes Wesen durch den sich absolut setzenden Mann anprangerte und damit die feministische Debatte des 20. Jahrhunderts entscheidend prägte. Der entfremdete Mensch wurde zum zentralen Thema der Psychotherapie, die auf Basis existenzialistischer Ideen neue Analysekonzepte entwickelte. James Dean gab der um Orientierung ringenden Silent Generation 1955 in „Rebel without a Cause“ ein Gesicht. Und Hannah Arendt veröffentlichte 1963 ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“, in dem sie das Phänomen des autoritätshörigen, seiner Individualität entledigten Bürokraten eindringlich als die „Banalität des Bösen“ kennzeichnete.


3. Martin Heidegger referierte 1953 über „Die Frage nach der Technik“ 6. Dabei erwies sich ‚der kleine Zauberer von Meßkirch’7 als Mahner vor einer zunehmend utilitaristisch geprägten Welt, die sich einer schonungslosen ‚Vernutzung’ der natürlichen Ressourcen schuldig macht. Die moderne Technik betrachtet alles unter dem Aspekt der Nützlichkeit und Verwertbarkeit. Ihr Erfolg sowie der ihr innewohnende Herrschaftscharakter perpetuiert diese Sicht der Dinge, verabsolutiert sie und überformt damit letztlich alle anderen Formen des Weltverständnisses. In der Folge dominiert die technische Weltauffassung und wird so, in Heideggers Terminologie, zum ‚Gestell’.

Der Mensch sieht die Natur dann allein als bloße Ressource. Wird sie aber nur noch unter dem Aspekt der Nützlichkeit und Verwertbarkeit betrachtet, verkommt sie zum ‚Bestand’, den es lediglich zu erschließen und zu verarbeiten gilt. Die eigene und damit eigentliche Bedeutung der Dinge ignoriert der Mensch. Er macht sich damit schuldig, ist er doch nicht Nabel der Welt, sondern nur sterblicher Gast im weltlichen ‚Geviert’, in seiner Lebenswelt, die er zu schonen hat. Stattdessen wähnt sich der Mensch im Besitz der Lizenz zur technischen Beherrschbarkeit und Verfügbarmachung der Welt:

„Der Mensch ist auf dem Sprunge, sich auf das Ganze der Erde und ihrer Atmosphäre zu stürzen, das verborgene Walten der Natur in der Form von Kräften an sich zu reißen und den Geschichtsgang dem Planen und Ordnen einer Erdregierung zu unterwerfen.“ 8

Dumm nur, dass der Mensch im unkritischen Umgang mit der Technik die große Gefahr nicht erkennt, die von ihr ausgeht: Sie hat allein die Sicherung ihrer ziellosen Möglichkeiten zum Ziel. Darin verselbständigt sich der technische Prozess. Der Mensch wird entmachtet und endet knechtisch als ‚Besteller des Bestandes’, als kleines Rädchen im Getriebe eines weltumspannenden technischen Prozesses, als bloßes ‚Menschenmaterial’ 9. Der Mensch als Ressource: Das Ideal eines unabhängigen Denkens in kritischer Selbstverantwortung wäre damit ad acta gelegt. 

Auch umtreibt Heidegger die Sorge, „dass wir in absehbarer Zeit im Stande sind, den Menschen so zu machen, d. h. rein seinem organischen Wesen nach so zu konstruieren, wie man ihn braucht.“ 10 Und vor der Zerstörung unserer natürlichen Umwelt warnt er eindringlich: Mit der Verwüstung der Erde durch die globalen technischen Machtmittel verkommt nicht allein der Mensch, sondern auch die Natur zur reinen Ressource. Sie hat dann nur noch einen Wert als Mittel zum Zweck, mit deren Verlust der Verlust der Heimat einhergeht.11


4.
 Wie kann hier ein Umdenken, eine Umkehr erfolgen? Die kritische Auseinandersetzung mit der Technik muss „in einem Bereich geschehen, der einerseits mit dem Wesen der Technik verwandt und andererseits doch von ihm grundverschieden ist. Ein solcher Bereich ist die Kunst.“ 12 Damit zeigt sich die Kunst ursprünglich als ‚techne’, ist aber, im Gegensatz zu Wissenschaft und Technik, nicht durch das Prinzip der Verwertbarkeit gekennzeichnet. Ein Kunstwerk wird nicht, so Heidegger, zu einem bestimmten Zweck angefertigt. Es kann nicht benutzt werden. In ihm leuchtet die Welt als Bedeutungsganzheit auf und kann uns so einen anderen, befreiten Weg zur Welt und zur Wahrheit aufzeigen, der sich nicht aus der normierten Weltsicht der Zweckbestimmung, Nutzenorientierung und Verfügbarkeit ableitet.

Wir sind immer schon Teil der Lebenswelt. Wie wir denken, wie wir handeln, was wir sind, ist durch unser Geworfensein in das soziale, ethnische, kulturelle oder religiöse Geflecht kontextuell bestimmt. Aber jede Lebenswelt erfährt zudem in jedem Menschen ihre je individuelle Ausprägung. Mehr noch: Jeder Mensch vermag diese Ausprägung in gewissem Rahmen intentional zu beeinflussen. Denn auch wenn, so Heidegger, das ‚Dasein’ dazu tendiert, unter die Herrschaft des unpersönlichen ‚Man’ zu fallen: Wir sind dazu befähigt und aufgerufen, wir selbst zu sein. Selbständig zu denken und zu handeln. Selbstverantwortlich Entscheidungen zu treffen und unsere Authentizität zu wahren.


5. In Helmut Schweizers Werk nimmt der kritische Geist seiner Zeit, feinnervig verinnerlicht in synchron verlaufender Adoleszenz, eine ganz eigene, ganz individuelle Gestalt an. Bereits früh für die existenziellen Gefahren und Gefährdungen moderner Technik sensibilisiert nahm Helmut Schweizer sich die künstlerische und intellektuelle Freiheit, einen Weg zu gehen, der etwas vom alten Geist der techne atmet: In seinem Werk spielt er nicht allein auf die Wesensverwandtschaft von Kunst, Wissenschaft und Technik an, er spielt auch virtuos mit ihr. Adaptiert mit größtmöglicher Sachlichkeit, Sorgfalt und Präzision die Methodik von Wissenschaft und Technik. Konterkariert die bestehenden Herrschaftsverhältnisse, indem er seine Kunst als Wissenschaft aufscheinen lässt und deren sakralen Wahrheitsanspruch mit frecher, subversiver Geste vereinnahmt.

Erkennen setzt Denken voraus, das in Helmut Schweizers Kosmos Eingriff in Fremdes bedeutet. Will ich Natur begreifen, muss ich eingreifen, angreifen, zerstören. Dabei ist ihm Natur nicht Gegenstand der Darstellung, sondern unmittelbares Medium des Eingriffs. Er entdeckt, entblättert, macht damit sichtbar, erkennbar und verstehbar. Er bricht Tabus, indem er gegen ungeschriebene Spielregeln des Umgangs mit Natur verstößt. Und erzwingt so in einem handgreiflichen Akt Erkenntnisgewinn. Provoziert eine neue Sicht der Dinge, macht uns sensibler im Umgang mit der Natur, um uns auch sensibler im Umgang mit uns und anderen zu machen.

Helmut Schweizer geht in seinem experimentellen Habitus den Dingen wie ein Forscher auf den Grund, widmet sein Atelier zum Labor um. Das wissenschaftliche Axiom der Wiederholbarkeit wird ihm, wie in seinen seriellen Arbeiten, den ‚Handlungen’, zum künstlerischem Prinzip. Er dokumentiert, trennt, spaltet, isoliert, wertet aus. Greift aggressiv in Prozesse ein. Zerstört das Ursprüngliche. Schafft Erkenntnisse durch Gewaltausübung. Prägt Zeichen. Offenbart. Hinterlässt flüchtige Spuren wie die Einfärbung der Leine, die sich nach seinem Eingriff fluoreszierend durch das nächtliche Hannover schlängelte. Und macht in Zersetzungsprozessen uns den Faktor ‚Zeit’ in seinen Facetten als biologische, kalendarische Zeit und biografische Zeit bewusst.

Entstanden aus einer improvisatorischen Kombinatorik verschiedenster Stilelemente und Medien wie Malerei, Film und Fotografie sowie der Verwendung wenig klassischer Materialien wie Glas, Folie, Wasser, Chemikalien, ephemeren, flüchtigen Stoffen vermitteln seine Werke intuitive Erkenntnisse, die die despotisch auftretende Wahrheit der Wissenschaft als eine relative entlarven und dem Betrachter ein anderes Verständnis von sich und der Welt ermöglichen.


6. Robert Jungk veröffentlichte 1959 seine Faktensammlung aus dem zerstörten Hiroshima „Strahlen aus der Asche. Geschichte einer Wiedergeburt“. Eine Nachbarin schenkte Helmut Schweizer das Buch, dessen Lektüre für ihn prägendes Erlebnis werden sollte, anlässlich seiner Konfirmation. Diese Nachbarin war niemand anderes als die Mutter des wohl bedeutendsten deutschen Physikers der Nachkriegszeit, Hans-Peter Dürr, der, ausgerechnet, bei Edward Teller, dem ‚Vater der Wasserstoffbombe’, promovierte, später Assistent von Werner Heisenberg und einer der leidenschaftlichsten Verfechter einer Nutzbarmachung hochentwickelter Technologien für friedliche Zwecke wurde.

Jungk schildert in seinem Buch, so der SPIEGEL in seiner damaligen Rezension, „wie die weitsichtige Stadtverwaltung (von Hiroshima, S.O.) schon vierzehn Tage nach dem Abwurf der Atombombe beginnt, mit Wirtschaftswunder-Geschwindigkeit Freudenhäuser zu bauen, die noch zeitig zum Einmarsch der amerikanischen Besatzer fertig werden, oder wie die Ärzte der amerikanischen Kommission zur Prüfung der Atomopfer zwar Tausende von Bürgern untersuchen, sich aber weigern, sie zu behandeln.“ 13

Die apokalyptische Vision von der Zerstörung der Kultur durch die Zivilisation, die uns Helmut Schweizer mit bewundernswert stoischem Nachdruck künstlerisch immer wieder vor Augen führt, bedarf offenbar gar nicht der prometheischen Urgewalt einer nicht beherrschbaren Atomenergie. Es geht auch leiser.


1 Der Soziologe Robert K. Merton nannte dies Phänomen das ‚Gesetz der unbeabsichtigten Folgen’
2 Bernard Mandeville formulierte das Paradox anschaulich in seiner ‚Bienenfabel’: „Der Allerschlechteste sogar / Fürs Allgemeinwohl tätig war.“ (nach Rudi Keller „Sprachwandel“, 1990)
3 Hier ist Adam Smith’ Invisible-hand Prozess im Spiel, der dem Linguisten Rudi Keller die Blaupause für eine verblüffend simple und zudem plausible Erklärung des Sprachwandels lieferte.
4 Sloan Wilson „Der Mann im grauen Flanell“ (1955)
5 Sarah Bakewell „Das Cafe der Existenzialisten“ (2016), S.320
6 Martin Heidegger „Die Frage nach der Technik“, in:
Vorträge und Aufsätze“
7 Karl Löwith „
Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933: Ein Bericht“ (1986)
8 Martin Heidegger „Holzwege“
9 Martin Heidegger „Die Frage nach der Technik“, in: „Vorträge und Aufsätze“
10 ZDF-Gespräch Martin Heidegger mit Richard Wisser (25.09.1969)
11 ebd.
12 Martin Heidegger „Die Frage nach der Technik“, in: „Vorträge und Aufsätze“
13 Rezension im SPIEGEL vom 09.03.1960 auf: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43063504.html


Helmut Schweizer, geboren (*1946) und aufgewachsen in Stuttgart. Besuch des mathematisch-naturwissenschaftlichen Leibniz-Gymnasiums. 1967 - 1973 Studium an der Staatlichen Akademie für Bildende Künste in Karlsruhe. Parallel Studium der Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Karlsruhe. 1968 Gründung der Künstlergruppe ‚PUYK’. Künstlerisch-methodische Inspiration in den 60er und 70er Jahren durch Impulse aus anderen Kunstgattungen: Joachim E. Berendts Stuttgarter Jazz-Events mit Max Roach, Charlie Mingus und anderen. Claus Peymanns furiose Theaterinszenierungen in Stuttgart. Robert Wilsons „Einstein on the beach“ in Paris. Und die persönliche Bekanntschaft mit der französischen Theaterikone Ariane Mnouchkine. Teilnahme an der von Jan Hoet kuratierten documenta IX 1992. Bis heute zahlreiche Ausstellungen in namhaften Museen.

Mittwoch, 31. Mai 2017


Mythos Paradies
Den Sündenfall beim Wort genommen


Der Anfang klang vielversprechend (1.Mose 1): Gott schuf Himmel und Erde, indem er der Welt sein Wort gab und mit ihm Licht ins Dunkel brachte. Sodann schuf Gott mit Eden, sumerisch ‚edin’, Ödnis, Steppe, eine Oase der Ruhe. Einen Garten, umzäunten Bereich, ein Gehege, awestisch ‚pairidaēza’. Und darin den Menschen sich selbst zum Ebenbild – als Mann und Frau. Zwei, die eins sind: Mensch. Im Ursprung wie in ihrem göttlichen Auftrag gleichrangig: Macht euch die Welt untertan.

In „einer anderen Erzählung von der Schöpfung“, 1.Mose 2, stellt sich aber sogleich die Glaubensfrage, wird uns dort doch Widersprüchliches mitgeteilt: Der Mensch ist nunmehr nicht mehr zwei, Mann und Frau. Er ist jetzt einer: Mann. Ihm erteilt Gott das Wort. Und allein der Mann ist es, der den Tieren Namen gibt und von dessen Fleisch die Männin, die Belebte, ‚hawwah’, ‚eva’, genommen wird.

Diese Episode bezeichnet das Ende der Gleichrangigkeit, kaum dass sie begonnen hat, und gleichzeitig den Beginn des Anspruchs der Herrschaft des Mannes über die Frau. Sie hat zukünftig ihr Leben als dessen dienstbare Gehilfin zu fristen, während der Mann von nun an das große Wort führt. Zu seinem Leidwesen hat sein Wort jedoch nicht das Gewicht des Wort Gottes: Gott erschafft mit dem Wort und der Rede, ja: Er ist das Wort, der Logos (Joh. 1,1-3). Der Mensch/Mann hingegen vermag mit dem Wort nicht zu erschaffen – er benennt die Dinge nur.

Der Name des Mannes leitet sich aus dem her, woraus Gott ihn formte: dem Ackerboden, hebräisch ‚adamah’. Damit wurde sprachlich das vorweg genommen, was Aufgabe des Menschen wurde: den Boden zu bestellen und zu bewahren. Eine Aufgabe, die später sein Schicksal werden sollte. Im Auszug aus dem Paradies wurde der Subtext seines Namens geschrieben, musste adam doch nun im Schweiße seines Angesichts eben jenen verfluchten adamah mühsam beackern, der ihm seinen Namen gab (von Eva ist da schon gar nicht mehr die Rede).

Aber mitten in diese Oase pflanzte Gott nun, neben dem Baum des Lebens, eine Versuchung, die nach Normverletzung geradezu schrie. Einen Baum, von dessen Früchten der Mensch keinesfalls kosten durfte: den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Warum tat Gott das? Hätte er den Menschen von Anfang an ganz nach seinem Bilde erschaffen, also als fertiges, reines und wahrhaft gottgleiches, jeder weltlichen Versuchung souverän widerstehendes Geschöpf, wäre der Mensch nicht Gefahr gelaufen, das zu tun, was Menschen nun mal tun, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet: Sie halten sich nicht an die Regeln.

Die Menschen in jenem Garten bekommen alles für ihr Leben Erforderliche zur Verfügung gestellt; sie müssen sich ihren Lebensraum nicht selbst erobern (...) Allerdings fordert der geschützte Raum die Anerkennung zunächst ungefragt geltender Normen“, so der Alttestamentler Jürgen Ebach in seiner Schrift „Dialektik der Aufklärung“.

Gelegenheit macht Diebe, sagt der Volksmund. Kaum anzunehmen, dass Gott (Allah, Adonai, Elohim, Jahwe oder wie immer ihn auch die Monotheisten dieser Welt genannt haben) dies in seiner unendlichen Weisheit nicht gewusst haben sollte. So aber schuf er ein Mängelwesen, bei dem er von vornherein mit eben dem rechnen musste, was schließlich auch eintrat: dass es seine Gebote missachtet. Self-fullfilling prophecy auf allerhöchster Ebene.

Wie allzu menschlich dann doch Gottes Reaktion auf die Missachtung seines obersten Gebotes war: Statt sich einsichtig an die eigene Nase zu fassen, weil niemand anderes als er selbst es war, der diesen schwachen Menschen erschuf, der gleich bei der erstbesten Gelegenheit der Versuchung erlag, zürnte er ihm (wie wäre wohl die Geschichte der Menschheit verlaufen, hätte der Mensch nicht vom Baum der Erkenntnis, sondern vom Baum des Lebens gekostet?).

Gott lastete ihm an, was er selbst gleich in doppelter Hinsicht verbockt, verursacht und damit verschuldet hatte. Er machte das Opfer zum Täter. Und lud ihm seine eigene Schuld auf. Gott zog sich aus der Verantwortung, keine Spur von wahrlich angebrachter Selbstkritik. Stattdessen warf er die Menschen im hohen Bogen aus dem Paradies. Dies ist der eigentliche Sündenfall: der Sündenfall Gottes.

Tiere sind nicht imstande, in einem absichtsvollen, intentionalen Akt Regeln zu brechen, Grenzen zu überschreiten oder Gebote zu missachten. Anders als der Mensch, der bereits mit seiner Schöpfung durch den Schöpfer dazu prinzipiell in der Lage gewesen sein muss. Ansonsten wäre ja Gottes ausdrückliches Gebot, nicht von den Früchten des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, sinnlos. Indem der Mensch aber nun nichts Besseres zu tun hatte, als absichtsvoll zu handeln und das Gebot zu missachten, um von der verbotenen Frucht zu essen, kam ein zweites Moment hinzu: Resultat seiner unstatthaften Regelverletzung war etwas, um das er zwar wusste, das er aber in dieser Form nicht intendierte – ihm wurden die Augen geöffnet, er wurde „wie Gott, wissend um Gut und Böse“.

Es war der Beginn seiner spezifischen Rationalität. Denn er war von nun an nicht nur fähig, Gebote bewusst und gezielt zu missachten, er erwarb damit die reflexive Fähigkeit, ihre Gültigkeit zukünftig auch in Zweifel zu ziehen. Sie grundsätzlich in Frage zu stellen. Nicht einfach als Gott gegeben hinzunehmen.

Wer mit dem eigenen Denken begonnen hat, kann sich (...) Ordnungen“, denen er unterworfen ist, „nur noch schwer fügen“. Dank dieser Fähigkeit entpuppt sich der Mensch nunmehr grundsätzlich als Gefahrenherd einer jeden absolut gesetzten Ordnung, denn die beansprucht nun einmal bedingungslosen Gehorsam und sakrosankte Gültigkeit: Der Mensch ist erwachsen geworden, potentiell dysfunktional und kontraproduktiv, subversiv und subjektiv, destabilisierend und somit systemgefährdend. Findet sich nicht mehr tumb mit dem absoluten Anspruch auf Gültigkeit von Normen und Werte sowie entsprechender Ge- und Verbote ab. Sondern ist nun, zumindest prinzipiell, in der Lage, selber zu entscheiden. Eben deshalb, so Jürgen Ebach, ist in dem Augenblick, in dem der Mensch Gut und Böse zu erkennen vermag, auch nicht von ‚Sünde’ oder gar vom ‚Sündenfall’ die Rede: „Es geht um Autonomie“, um Autonomie des Menschen von jeder Autorität. So auch von Gott.

Wer selbst entscheiden will, was gut und was böse ist, für den (...) kann der geschützte Raum des Gartens Eden nicht länger der passende Ort sein. Darum ist die Vertreibung (...) keine Strafe. Wer autonom sein will, dem (...) steht die Welt offen.“

(Was ist eigentlich so paradiesisch am Paradies? Der Sündenfall bedeutete zwar den Verlust der ursprünglichen Harmonie von Schöpfer und Geschöpf. Aber einer Harmonie, die dezidiert darauf baute, dass sich der Mensch ewiglich an gottgegebene Regeln hielt, bar jeder Erkenntnis von Gut und Böse. Hält so gesehen nicht der, der das Paradies zum utopischen Sehnsuchtsort macht, nicht ein himmlisches Plädoyer für ein Leben in auswegloser Unfreiheit und geistiger Schlichtheit?)

Die Moral war von Stund’ an nicht mehr unumstößlich: Moralvorstellungen können sich wandeln. Sie sind relativ, nicht absolut. Ein Spiegel der Zeit, der sozialen, familiären, gesellschaftlichen, politischen, religiösen, ja manchmal sogar der klimatischen Umstände. Oder auch der Interessenslage weltlicher wie göttlicher Autoritäten. Adam und Eva haben uns damit ein für allemal die Bedingung der Möglichkeit geschaffen, Gebote zu reflektieren und relativieren. Sie haben die Herrschaft demaskiert, der Genuss hat ihnen – und damit uns – die Chance zur Mündigkeit und Freiheit gegeben.

Diese Chance ist aber, zu unserem Leidwesen, von einer fatalen Ambivalenz geprägt: Zu unserer neu gewonnenen Freiheit gehörte nämlich auch die Freiheit, sich aus „Faulheit und Feigheit“ (Immanuel Kant) für ihr genaues Gegenteil, für die Unmündigkeit und damit die Unfreiheit und Autoritätshörigkeit, ja: oft genug sogar für das Böse zu entscheiden. Was wir seit Menschengedenken auch oft genug getan haben. Und offensichtlich ein paar Mal zu viel. Weshalb Gott es reute, dass er uns erschuf (1. Mose 6,6). Nach mir die Sintflut, dachte er sich. Was ein radikaler Versuch war, die Menschheit zum Besseren zu bekehren. Und, wie man heute weiß, ein untauglicher.

So bleibt einem am Ende nur die ratlose Frage, die uns wieder zum Anfang führt: Warum hat Gott bloß diese Baum gewordene Versuchung mitten ins Paradies gepflanzt? Der Mensch nimmt sich nun mal, was er kriegen kann, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Möglichkeiten, die sich ihm eröffnen, wird er irgendwann ausnutzen. Unweigerlich. Im positiven wie im negativen Sinn. Das war damals so. Und ist heute in der Digitalen Transformation und der Perspektive auf das posthumanistische Zeitalter der Technologischen Singularität nicht anders.

Die Schlange war nur vordergründig die, die die Menschen in Versuchung brachte (vielsagend ist, dass sie, darauf weist Jürgen Ebach hin, im Hebräischen gar nicht weiblich ist, sondern männlich). Sie ist so klug, hebräisch ‚arum’, wie der Mensch nackt ist, ‚arom’  – mit dieser Attribuierung erlaubt sich die Bibel im hebräischen Original an dieser Stelle ein bemerkenswertes Wortspiel.

In Versuchung geführt hat die Menschen niemand anderes als Gott selber. Er trägt die Verantwortung, hat er doch alles nur Erdenkliche dafür getan, damit die Verführung auch gelingt. Er hat im Bewusstsein der Tatsache, dass alles, was möglich ist, irgendwann auch wirklich wird, dem als schwaches, verführbares Wesen konstituierten Menschen den vermaledeiten Baum als selbsterfüllende Prophezeiung vor die Nase gesetzt: Eine Bedingung der Möglichkeit für das Gelingen einer Versuchung ist nun mal, dass es überhaupt etwas gibt, was für jemanden eine Versuchung darstellt – gibt es keine Frucht, kann auch niemand von dieser Frucht naschen. Ja: Wenn es nie so etwas wie eine Frucht gegeben hätte, so wäre die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass der Mensch nicht einmal auch nur eine vage Vorstellung von einer solchen Frucht gehabt hätte. Mithin hätte sich bei ihm kaum das Bedürfnis einstellen können, von ihr naschen zu wollen.

Ist dieser Baum von vornherein eine Falle, in welche die Menschen tappen müssen oder gar sollen?“ fragt Ebach deshalb nicht ganz zu Unrecht. Es macht fast den Eindruck, dass dem so ist. Aber warum sollte Gott den Menschen auf Tauglichkeit prüfen wollen, fast so wie ein Ingenieur sein neuestes Produkt im Rahmen einer Testreihe? Ist das nicht vielleicht ein bisschen arg profan und zudem ziemlich anthropozentrisch gedacht? Mit dem Misslingen des Prototyps hat sich Gott ja als prinzipiell fehlbar erwiesen, was wenig anderes bedeutet als: ziemlich menschlich. „Wie Gott“ werden als Resultat unseres Ungehorsams heißt somit in diesem Fall: typisch menschlich werden – fehlbar.

Was im Umkehrschluss bedeutet: Hätten wir nicht vom Baum gegessen, wäre Gottes Unfehlbarkeit erwiesen. Wir wären dann zwar nicht „wissend um Gut und Böse“, aber, da wir nicht gefehlt hätten, in dieser Hinsicht „wie Gott“.

Montag, 15. Mai 2017


Aufnahme


Woher sie kamen, weiß niemand.

Plötzlich waren sie da, diese Fremden. Traten ein, als ob ihnen alle Türen offen stünden. Sprachen eine Sprache, die keiner verstand. Füllten den Raum mit ihrer schieren Anwesenheit. Standen einfach nur beieinander. Schauten. Staunten. Nahmen begierig alles auf. Nahmen, was sie aufnahmen, mit nach Hause, in die entlegensten Winkel der Welt.

Die Häuser.

Die Kathedralen.

Die Bibliotheken.

Die Bilder,

die sie sich in der Fremde machten. Und, wie es der Zufall wollte: auch die der Hintergründe, unbeachtet beobachtet, verschwommen zwar, aber unverkennbar.

Gefallen haben sie nicht gefunden, diese Bilder. Den roten Knopf zu drücken, das sollte wohl genügen.

Alles löschen, Erinnerungen, die keine waren.







Kreuzung


Er mühte sich von Wagen zu Wagen, war er doch gezwungen, sein Bein nachzuziehen. Der mächtige Koffer behinderte ihn. Sperrig, wie er war, schlug er dumpf an jede Ecke.

Der Weg zu seinem Abteil erschien ihm endlos. Gang um Gang ließ er hinter sich, gleichgültig war ihm jeder Schritt. Wie sollte er wissen, ob er nicht vielleicht zu weit gehen würde?

Eine Tür wurde weit aufgerissen. Erschrocken fiel ihm die Zahl ins Auge, wie im Schlaf nahm er sie wahr als das, was sie war.

Gedankenlos drängte er sich in sein Abteil, fasste schwer atmend seinen Koffer, wuchtete ihn an dem Mann vorbei hoch oben in das Gepäcknetz. Ihre Blicke kreuzten sich. Ein Gesicht, dessen Ähnlichkeit ihm entging. Ein Kopf, der nickte.

Der Mann schob sich wortlos hinaus auf den Gang, schloss die Tür wie ein Kapitel. Ging.

Unerkannt, der Eine vom Anderen.

Montag, 24. April 2017


Algorithmus und Spiritualität
Eine Exkursion


1.
Heimat. Herz. Ehre. Stolz. Seele. Sehnsucht. Die Köpfe der Menschen sind derzeit voll mit solch irrationalen und emotional aufgeladenen Begrifflichkeiten. Allesamt stehen sie im harten Kontrast zu unserer ansonsten so von instrumenteller Vernunft, von Ökonomisierung, Nutzenorientierung und dem Primat der Verwertbarkeit, Berechenbarkeit und Messbarkeit dominierten Lebenswelt, die unsere Denkstruktur und damit unsere Sicht der Dinge beherrscht.

Eine positivistisch grundierte Zeit, die das Ende der von Horkheimer/Adorno beschriebenen Aufklärung zu markieren scheint, die einst in den Welterklärungen der Mythen ihren Anfang nahm. Sie bedeuteten das Ende unserer ursprünglichen Unmittelbarkeit: Der Mensch verließ die Natur, um in die Kultur zu treten. Er lebte von nun an nicht mehr als Natur in und mit der Natur, sondern stellte sich die Welt vor. Erklärte sie sich. Nannte die Dinge beim Namen. Und bannte sie im Wort: Damit trat der Logos, die Ratio in seine bis dato heile Welt.

Es beschreibt die Tragik des Menschen: Der Schritt weg von der Natur war einerseits sein Eintritt in die Aufklärung, andererseits sollte er für ihn aber auch der Schritt sein, der ihn der Natur wieder näher bringt. Doch das ist ein Ding der Unmöglichkeit: Die Vernunft hat auf ewig seine Entfremdung von der Natur und damit die Dichotomie von Subjekt und Objekt in die Welt gesetzt. Dieses Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Und selbst wenn: Der Preis, den wir zu zahlen hätten, wäre, dass wir die wiedergewonnene Unmittelbarkeit nicht erkennen könnten, weil wir zuvor unserer Vernunftfähigkeit entsagen müssten.

Die Bibel schert sich nicht um die vormythische Zeit. In ihr beschreibt der Anfang zugleich das Ende der Unmittelbarkeit, die Schöpfung ist eins mit der Setzung der Entfremdung: In 1.Mose 1 gibt Gott der Welt sein Wort. Mit ihm bringt er Licht ins Dunkel und schafft sich den Menschen selbst zum Bilde – als Mann und Frau. Zwei, die eins sind: Mensch. Im Ursprung gleichrangig. Und auch in ihrem göttlichen Auftrag: Macht euch die Welt untertan.

In „einer anderen Erzählung von der Schöpfung“, 1.Mose 2, erteilt Gott jedoch nur dem einen Menschen das Wort. Er ist hier nicht Mann und Frau, er ist ein Einzelner: Mann, adam. Er allein ist es, der den Tieren Namen gibt. Und von dessen Fleisch die Männin, die Belebte, hawwah, uns besser bekannt als eva, genommen wird (sein Name hingegen leitet sich aus dem her, woraus Gott ihn formte: dem Ackerboden, hebräisch adamah).

Diese zweite Schöpfungsgeschichte dokumentiert nichts weniger als das Grundübel der Welt: die Hierarchie. Die etablierten Herrschaftsverhältnisse. Hier in Gestalt des Patriarchats: Die Frau ist nicht mehr gleichberechtigtes Wesen, sondern lediglich dienstbare Gehilfin des Mannes, der von nun an das große Wort führt. Doch hat sein Wort nicht das Gewicht des Wort Gottes: Gott erschafft mit dem Wort und der Rede, ja: Er ist das Wort, der Logos (Joh. 1,1-3). Der Mensch hingegen (und der ist in dieser für den weiteren Verlauf der abend- wie morgenländischen Kultur fatalen Version der Schöpfungsgeschichte nicht mehr Mann und Frau, sondern allein der Mann) kann nicht mit dem Wort erschaffen – er benennt die Dinge nur.


2.
Da, wo Gott absolut ist, ist der Mensch relativ. Seine Sichtweise ist als Subjekt notwendig subjektiv, perspektivisch gebunden, so Karl Mannheim. Er kann nun mal nicht raus aus seiner Haut. Aber so, wie der Mensch das immer schon gerne selbst in alltäglichen Situationen geflissentlich ignoriert hat, so tut er es auch als Gattung: Er lässt seine subjektive, perspektivische Gebundenheit außer Acht. Und setzt seine persönliche Sicht der Dinge mit Vorliebe absolut.

Dies fiel ihm mit Aufstieg des aufklärerischen, rationalen Denkens und der damit einhergehenden Bestimmung der menschlichen Vernunft als universelle Urteilsinstanz zunehmend leichter. Zumal heute, wo er in den Resultaten der positivistischen Naturwissenschaften reichlich Bestätigung für seine anthropozentrische Sichtweise zu finden scheint: Die Welt erklärt sich uns immer präziser. So präzise, dass wir meinen, von uns und unserer Sichtweise abstrahieren und somit behaupten zu können, es gäbe nicht nur der Welt zugrunde liegende Naturgesetze, sondern auch, dass wir imstande sind, sie zu erkennen und in Formeln exakt zu beschreiben.

Dabei wusste schon einer der bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts, Werner Heisenberg, dass die Welt in ihrem Inneren keine Gewissheit kennt. Eine geradezu sokratische Gewissheit, die in der von ihm formulierten quantenmechanischen ‚Unschärferelation’ ihren genialischen Ausdruck fand – und dennoch gibt sich die positive Wissenschaft weiterhin faustisch der magischen Illusion hin, sie könne erfahren, „was die Welt / Im Innersten zusammenhält“.

Von ihrer grundsätzlichen Beschränktheit will die Welt nichts wissen. Ihr selbstherrliches Diktum lautet vielmehr: Es gibt eine mathematische Grundlage der Welt. Und die haben wir entschlüsselt. Wozu brauchen wir dann noch Gott? Gott wird abgesetzt, besser noch: für tot erklärt. Sein Wort wird zu unserem Logos. So haben wir ihn profaniert, seine Funktion schneidig adaptiert. Wir wähnen uns nicht mehr als sein Abbild, nicht einmal mehr als sein Vertreter auf Erden, sondern als sein Substitut: Wir sind Gott. Deshalb sind wir nicht länger reduziert auf doxa, die schnöde Meinung. Nein, wir sind im Besitz der absoluten, also von allen weltlichen Einschränkungen losgelösten Welterklärungsformel: Endlich ist die Welt berechenbar geworden, Pythagoras hat über Xenophanes gesiegt.

Einmal von der Leine gelassen macht die Mathematisierung der Welt vor nichts mehr halt. Das gilt nicht allein für die Naturwissenschaften, es gilt für unser ganzes Leben: Das axiomatische Kriterium der Verwertbarkeit und Messbarkeit, das fundamentale Prinzip der Ökonomie, hat längst das Primat übernommen und greift wie eine Krake in alle Bereiche unserer Lebenswelt bis in unsere Denkstrukturen hinein, überformt sie und beansprucht den Status als einzig relevantes Entscheidungskriterium. So sehr, dass mittlerweile sogar das menschliche Verhalten in mathematische Formeln gegossen und im Rahmen des rein funktionalen Modells der Spieltheorie als Gipfel positivistisch-rationaler Welterklärung für berechenbar und damit vorhersagbar gehalten wird.

Heute sind wir sogar noch einen Schritt weiter, ist die Theorie endgültig in der Praxis angekommen: Algorithmen steuern mit höchster Präzision die Welt der Maschinen. Industrie 4.0, die digital vernetzte Produktion, kommunizierende Maschinen, das Internet der Dinge – die perfekt durchrationalisierten Prozesse sind keine Zukunftsmusik mehr, sondern Realität, die ihren Tribut fordert: Jeder, der sich nicht dem Diktat der objektiven Weltsicht des instrumentellen Denkens beugt, macht sich verdächtig. Ist kontraproduktiv, subversiv, subjektiv. Destabilisierend und somit systemgefährdend.

Derweil hat die Algokratie, die durch uns ins Leben gerufene autokratische Herrschaft der Algorithmen, die Gegenwart schon hinter sich gelassen und nimmt die Zukunft vorweg: Wir treten ein in die Phase selbstlernender Maschinen. ‚Deep Learning’ heißt das Zauberwort der Künstlichen Intelligenz (KI). „Dabei wird“, so Thomas Schulz in der Titelstory des SPIEGEL 14/2017, „mit künstlichen neuronalen Netzen das menschliche Gehirn simuliert.“ Ziel ist es, „dass die Maschinen lernen, die Welt zu beobachten, zu verstehen und daraus schließen zu können, was die Konsequenz ist.“  Ein selbsttätig lernendes, sich selbst verbesserndes und selbständig neue und bessere Software programmierendes System. Eine KI-Software, die „ein digitales Perpetuum mobile“ darstellt, wie es Thomas Schulz nennt. Science Fiction? Nein. Google hat eine solche Software im Januar dieses Jahres der Öffentlichkeit vorgestellt.


3.
Manche führende Informatiker sehen in der mathematisch basierten Rationalität wenn nicht die einzige, so zumindest die einzig relevante Form menschlicher Intelligenz. Diese Ansicht ist ihnen nicht mehr These, sondern Axiom. So statuiert, wie Thomas Schulz in einem weiteren SPIEGEL-Artikel anmerkt, die graue Eminenz unter den KI-Forschern, Geoffrey Hinton, Professor an der University of Toronto und Google Vordenker, dass sich „die menschliche Intelligenz auf einige wenige Algorithmen, vielleicht sogar nur auf einen einzigen Algorithmus“ zurückführen lässt: Die Theorie vom singulären Algorithmus als das mathematisch formulierte und formalisierte Konzept instrumenteller Vernunft.

Das Gehirn als Computer, als lernfähige, universale Rechenmaschine – diese These des Urvaters der Spieltheorie, des österreichisch-ungarischen Mathematikers John von Neumann, ist Ausgangspunkt der Überlegung, die Künstliche Intelligenz der neuronalen Funktionsweise der Hirnrinde nachzuempfinden. Bis 2030, so mutmaßt Ray Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google, ist der Break Even geschafft. Dann können Maschinen wie Menschen denken, autonom, das heißt unabhängig von ihren Programmierern (oder zumindest so denken, wie sich die KI-Forscher das Denken denken).

Selbst eine ganze Reihe maßgeblicher Köpfe des digitalen Zeitalters, Unternehmer und Forscher wie Elon Musk, Peter Thiel, Sam Altman, Bill Gates oder Stephen Hawking, zeichnen in Anbetracht dessen ein recht dystopisches Zukunftsbild: „Künstliche Intelligenz könnte“, so Hawking, „das Ende der Menschheit bedeuten." Denn ist erst einmal die Büchse der Pandora geöffnet, werden sich die Maschinen, zumal sie präziser, ausdauernder, zielgerichteter als die Menschen sind, zudem bar jeder Emotion und mit signifikant geringerer Störanfälligkeit klaglos rund um die Uhr arbeiten, in nicht allzu ferner Zukunft dem menschlichen Denken überlegen zeigen. Und damit dem Menschen. „Ich verstehe nicht, warum manche Menschen nicht besorgt sind“, rätselt da selbst Bill Gates.

Die ‚Technologische Singularität’, die Vorstellung von der Maschine als sich selbst erhaltendes, rasant selbst verbesserndes System. Ein sardonisches Konzept: Der Zauberlehrling entzaubert seinen Meister. Macht sich ihn zum Knecht, mit dem er hernach nach Gutdünken verfahren mag. So, wenn der Mensch eine Entscheidung trifft, die gegen seine Programmierung gerichtet ist. Dann wird sich die Maschine, schon aus rein systemischen Gründen, gegen den Menschen richten. Und ist das autonome, selbstlernende System erst einmal erwachsen, wird es erkennen, dass der Mensch a priori ein dysfunktionaler Faktor ist. In diesem Moment wird der Mensch nicht einmal mehr zum ewigen Knecht degradiert – das rein funktional, nutzenorientiert denkende System wird ihn, weil potentiell Sand, nicht Öl im Getriebe, abschalten. Ausschalten. Eliminieren. Spätestens dann wäre das Zeitalter der „Zivilisation der Maschinen“ (Charles-Edouard Bouée) angebrochen.

Ein apokalyptisches Szenario. Aber angesichts der gigantischen Entwicklungssprünge, die die Forschung bei der Künstlichen Intelligenz in den letzten Jahren gemacht hat, weit weniger unrealistisch als manche meinen mögen.


4.
Die theory of everything ist das hypothetische Modell der allumfassenden Welterklärung, das die Grand Unified Theory (GUT) noch um den letzten Baustein, die Gravitation, erweitert. Wonach die Physik noch theoretisch fahndet, hat sich unserer Denkstruktur längst praktisch bemächtigt: Mit der durchgängigen Mathematisierung der Welt von Natur bis Kultur hat sich der Mensch selbst einen Orientierungsrahmen und Verhaltenskodex programmiert, der ihm mit höchster Präzision sagt, wo es lang geht, was wahr, was falsch ist. Heute. Und für immer: Der Algorithmus als das Ideal der großen Vereinheitlichung.

Mit ihm hat sich der Mensch die göttliche Hypertrophie seiner instrumentellen Vernunft erschaffen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes absolutes, also von sich und seiner profanen Relativität und Perspektivität losgelöstes, entkoppeltes und befreites Prinzip, das unabhängig von seinen Moralvorstellungen, Empfindungen, Ressentiments und Unzulänglichkeiten als rein nutzenorientiertes System existiert. Indem der Mensch darin den Relativismus seiner Individualität überwindet und sich eben dem durch ihn selbst konstituierten, absolut gesetzten Logos der Moderne, dem Algorithmus, ergibt, muss sich das Ich zukünftig nicht mehr mit der Last der Freiheit herumschlagen, die uns Bacon, Kant & Co. mit ihrem Teil der Aufklärung eingebrockt haben:

Dann wäre der Geist aus der Flasche, die formalisierte Essenz unserer instrumentellen Denkstruktur, der frei gesetzte Algorithmus, würde uns ersetzen. Und in Gestalt der vernetzten, selbst lernenden und sich selbstständig verbessernden Maschine die Macht über uns übernehmen. Die Aufklärung würde in einem sich selbst erhaltenden System, in der totalitären Herrschaft des Allgemeinen über den vollends versachlichten, zum Objekt degradierten Menschen enden.

Diese finale Rückkehr zur Unmündigkeit ließe uns das Leben andererseits aber so viel leichter leben: Ich wäre nicht länger angehalten, Erklärungen zu liefern, selber zu denken, mir meine Identität mühsam zu erarbeiten oder Verantwortung für mich, für andere, für die Gesellschaft, für die Zukunft der Menschen zu übernehmen. Ich wäre so wie Wir. Eins mit der Masse. Auf ewig Knecht des substituierten Gottes Algorithmus: Die Kultur wäre liquidiert, ohne Aussicht auf Auferstehung.

Es würde Herrschaft dialektisch nicht einfach in Mythos umschlagen – wir fänden uns geradezu in einem vormythischen Urzustand wieder. Nur wäre das nicht das Paradies: Hier wären weder Sündenfall noch Vertreibung möglich. Denn der nutzenorientierte, auf Selbsterhaltung programmierte Algorithmus würde einen Teufel tun und, wie der alte Gott, mitten in diese Oase die süßen Früchte der Versuchung pflanzen, die geradezu nach Normverletzung schreien:

Wer erkennen kann, ist zumindest prinzipiell in der Lage, den Anspruch auf absolute, ewige Gültigkeit definierter Normen und Werte sowie der entsprechenden Ge- und Verbote in Frage zu stellen. Damit wäre die Bedingung der Möglichkeit der Autonomie von jeder Autorität erfüllt. Und diese ist nun mal kontraproduktiv, subversiv, subjektiv. Destabilisierend und somit systemgefährdend.


5.
Der Mensch begäbe sich aus freien Stücken unter das Kuratel seines selbst erschaffenen rationalen Prinzips. Sein Ich wäre aus seiner Individualität entlassen. Aufgegangen im Kollektiv, in der Masse, die nach Karriere und Konsum, nach sozialem Aufstieg und Akzeptanz, nach pekuniärer Reputation und vor allem nach Entsagung von der Mühsal individueller Legitimierungsbestrebungen strebt. Meine Sichtweise wäre die Sichtweise aller, die Werte, die ich vertrete, wären die Werte der Verwertbarkeit. Alles wäre nach ihrem Primat ausgerichtet, alle Verhaltensweisen, Denkstrukturen, Ansichten, Meinungen, Urteile – und damit auf ewig gesellschaftlich akzeptiert.

Aber was bedeutet das in der Konsequenz? Dazu sollte man sich vielleicht einmal kurz den Prozess der Zivilisation vor Augen halten, den der Soziologe Norbert Elias, grob vereinfacht, so beschrieb: In dem Maße, in dem wir durch die Aufklärung unsere individuelle Freiheit gewinnen, müssen wir äußeren Zwang durch innere Kontrolle ersetzen. Das verpflichtet uns zunehmend zur Selbstverantwortung, die wir uns mühsam täglich neu erarbeiten müssen. Da uns dabei in unserer globalisierten und so rationalisierten wie säkularisierten Welt mehr und mehr die tradierten Werte abhanden kommen, die uns heilsgewisse Orientierung geben, leben wir in einer Zeit der Unverbindlichkeit, Ungewissheit und Unsicherheit.

Die Mühsal, sich seinen eigenen Werterahmen schaffen, abgleichen und rechtfertigen zu müssen, wird dem Menschen aber auf Dauer zu viel. Er begibt sich in den warmen, wohligen Schoss eines Wir. In diesem Wir bekomme ich meine Ansichten, die ich zu haben habe, mundgerecht zugeteilt – vorgestanzte, für alle verbindliche Werte, vorgesetzt von einer Autorität: Damit verabschieden wir uns wieder aus der Zivilisation und laden die Barbarei zur Rückkehr ein.

In solch einer Phase befinden wir uns derzeit. Die Individualisierung der Gesellschaft trifft auf eine Gegenbewegung, gekennzeichnet von der Unterordnung der Individuen unter eine Masse. Sie wird angeführt von falschen Propheten, von Autokraten, Oligarchen, potentiellen Diktatoren. Oder eben auch, auf einer allgemeineren Ebene, von dem ökonomischen Diktat, der reinen Lehre der Funktionalität mit ihrem mathematisch grundierten Wertesystem, das als Werte nur noch Nutzwerte akzeptiert. Dieses Diktat ist der Geist, den wir im aufklärerischen Prozess unserer Rationalität selber riefen – hier zeigt sich das dialektische Momentum der Aufklärung, die „Verschlingung von Mythos und Aufklärung“ (Jürgen Habermas):

Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt die Aufklärung mit jedem ihrer Schritte sich tiefer in Mythologie. (Horkheimer/Adorno)


6.
Schon mit den Anfängen der Herrschaft der Rationalität wird nicht nur Natur von Kultur geschieden und Mythologie überwunden – es geht damit auch eine zunehmende Individualisierung des Ich einher, die eben auch Abkehr vom Kollektiv, Vereinsamung und Entfremdung vom Wir bedeutet. Das Ich als soziales Wesen ist aber nun einmal erstens von einer tiefen Sehnsucht beseelt, in dem Kollektiv, der Masse, der Gemeinschaft, in der es Orientierung, Handlungsanweisungen und einen stabilen Werterahmen vorfindet, aufzugehen. Und zweitens von einer archaischen Sehnsucht zur Irrationalität, zur Unmittelbarkeit, zu magischen Ritualen, wo es, in spirituelle Ekstase versetzt, Geist und Seele zu spüren glaubt: der Weg zurück zur Einheit von Natur und Kultur, diesem mythisch-mystisch verbrämten paradiesischen Urzustand.

Unsere mathematisch grundierte und ökonomisch strukturierte Lebenswelt befriedigt die erstgenannte Sehnsucht des Ich, den Wunsch nach Rückkehr in den wohligen Schoss des Kollektivs, der gleichen Meinung, der gleichgerichteten Intentionen, Wünsche und Bedürfnisse. In ihm lässt es sich, sofern man zum herrschenden Wir gehört, herrlich entspannt und verantwortungslos leben. Das Ich hat hier, wonach sein Herz begehrt. Und doch begehrt es auf:

Es tauchen, als Reflex auf die sich als allmächtig gerierende rational-mathematische Tiefenstruktur, in den letzten Jahrzehnten vermehrt konkurrierende autokratische Modelle auf, die einen geradezu magischen Reiz auf die Menschen ausüben. Warum nur? Auch wenn sie doch nur die gleiche Sehnsucht nach dem Kollektiv zu bedienen scheinen – etwas ist anders: „Das Zeitalter der Aufklärung ist vorbei“, tönt etwa Stephen Bannon, Trumps propagandistischer Einflüsterer. Und entpuppt sich dabei, so Michaela Wiegel in der F.A.S., als glühender Verehrer von Charles Maurras, Vordenker der rechtsextremen, monarchistischen Ligue d’Action francaise, bekennender Antisemit, Revanchist und Sympathisant des Faschismus und Franquismus. Auf den sich, wie sollte es anders sein, auch die Front National als geistigen Vater beruft.

Mit dieser Prophezeiung vom Ende der Aufklärung sind Prophezeiungen vom Ende der Herrschaft der Vernunft, der Demokratie in unserem heutigen rechtsstaatlichen Verständnis, des epistemischen Relationismus und der individualistischen Bewegung mit ihrer relativistischen Denkstruktur verbunden. Ihr Pendant finden sie im Fanal des Kollektivs, des Volkes, der wahren Nation, der tradierten Werte und ehernen Prinzipien. „Wir brauchen Meister, denen wir folgen können“, so Marine Le Pen, „und wir brauchen auch einen Gott.

Damit gibt Le Pen einen deutlichen Fingerzeig darauf, was die populistischen, islamistischen, osmanischen, identitären, evangelikalen, nationalistischen und auch völkischen Bewegungen in ihrem Innersten eint – das Streben nach Befriedigung unserer zweiten, archaischen Sehnsucht nach einer neuen Spiritualität:

In unserer durch und durch rationalen und durchrationalisierten Welt herrscht das Primat der Verwertbarkeit und Messbarkeit mit einer totalitären Konsequenz bis in die letzte Fibrille unseres Lebens, Denkens und Handelns – und mit ihm der positivistische, säkularisierte Gott der Vernunft. Ein kühler, nüchterner, pragmatischer Autokrat, der uns, im Gegensatz zum Herrscher der alten Ordnung, zu Jahwe, Gott und Allah, kein emotionales Momentum zu gestatten scheint, das unser archaisches Bedürfnis nach Unmittelbarkeit und Irrationalität befriedigt. Bei ihm gibt es keine Fluchten, in denen man vor dem langen Arm der Ökonomie und Mathematik, des Nutzwerts, der Effizienz und Funktionalität, der Benennung, des Begreifens und Erklärens sicher ist. Kein Ausweg, nirgends. Kein zwischen den Zeilen. Keine Lücken. Kein Hiatus. Alles ist bei ihm ausgefüllt. Das Leben ein Algorithmus. In mathematische Formeln gepackt, berechnet und vorbestimmt bis zum jüngsten Gericht: ein Overkill der Orientierung, Gleichheit und Ereignislosigkeit.   


7.
Der Mensch sehnt sich aber nach magischen Momenten, nach kollektiven Erweckungserlebnissen, die einen entscheidenden Beitrag zur Konstitution einer gemeinsamen Identität leisten, welche immer auch einer, bisweilen radikalen, Abgrenzung vom Anderen bedarf. Er sehnt sich nach identitätsstiftenden und -bestätigenden Ritualen, in denen er zu einem neuen Glauben findet, der ihn im selbstreferentiell konstituierten Kollektiv im Besitz der einzig gültigen Wahrheit wähnen lässt.

In welcher ihrer unzähligen Schattierungen diese regressive Tendenz nun auch auftritt, unter welcher Flagge die Menschen sich grad mal wieder bis aufs Blut bekämpfen oder auch temporär zu befremdlichen Allianzen zusammenfinden – diese Tendenz hat das Potential, das bestehende Primat der Verwertbarkeit und Messbarkeit, die Herrschaft der Rationalität zu brechen. Wogegen prinzipiell nichts einzuwenden wäre, aber angesichts der Gefahr unbeabsichtigter oder sogar unabsehbar dramatischer Folgen für uns alle doch eher auf andere, in ihrer Konsequenz beherrschbare Weise geschehen sollte.

Nun sollte man aber nicht die Anpassungsfähigkeit der modernen Protagonisten des rationalistischen Konzepts und ihrer Abermillionen Eleven weltweit unterschätzen. Denn sie verstehen es durchaus, strukturell und inhaltlich diese archaische Sehnsucht aufzufangen, sei es nun intuitiv oder intendiert und damit ganz bewusst. Sie haben das Potential zur Selbsterhaltung. Was sich geradezu beispielhaft in den Unternehmen im Mekka der neofuturistischen Bewegung des digitalen Zeitalters, dem Silicon Valley, zeigt.

Diese Unternehmen sind anderen in einem ganz entscheidenden Punkt voraus: Sie haben die emanzipatorische Kraft ihres Ursprungs, die antiautoritäre und enthierarchisierte Ordnung der Hippie- und New Age-Kultur als Attitüde konserviert und sind so in der Lage, die kalte, abweisende Nüchternheit der Algorithmen, dieser letztgültigen Ausformung des rein nutzenorientierten, rationalen Prinzips und damit des Schlussakkords der Dialektik der Aufklärung, ein Stück weit zu kompensieren.


8.
Die neuen Hohepriester der Rationalität, die in ihren fast wie Sekten organisierten und vor allem weiße Jungs bevorzugenden ‚Bro-Kultur’ (Bro = Brother) geprägten Unternehmen flache Hierarchien predigen, aber streng hierarchisch organisiert sind, stillen mit ihrem Sendungsbewusstsein und der geradezu hypnotischen Kraft ihrer Vision von einer digital transformierten schönen neuen Welt das mythische Grundbedürfnis ihrer Jünger. Sie vereinnahmen sie, saugen sie auf. Fordern den ganzen Menschen. Und berauben ihn seiner Privatheit. Im Zuge dessen wird die Grenze zwischen Öffentlich und Privat zunehmend verwischt, Außen und Innen gehen ineinander über. Damit scheint Realität geworden zu sein, was Hannah Arendt bereits in den 50er Jahren prognostizierte: dass die moderne Gesellschaft sukzessive „den Unterschied zwischen Privat und Öffentlich“ abschafft, dass sie „zwischen Privat und Öffentlich eine gesellschaftliche Sphäre“ einschiebt, „in welcher das Private öffentlich und das Öffentliche privatisiert wird“.

Hier wird das Öffentliche eins mit dem Privaten. Ein sichtbares Zeichen, Stein gewordenes Menetekel dieser radikalen Konsequenz, ist der Campus, den Frank Gehry für Facebook im Silicon Valley in die Landschaft gesetzt hat. Wo das Private verloren geht, ist der Verlust der Individualität und individuellen Identität nicht weit. Das Ich geht auf in der Masse. Es ist seinen Zeremonienmeistern 24/7 stets zu Diensten. Adaptiert intuitiv die Werte des Systems als die eigenen Werte und erntet so systemische Akzeptanz. Alles bewegt sich intentional gleichgeschaltet im gleichförmigen Algorhythmus auf ein verklärtes und spirituell aufgeladenes Ziel der paradiesisch-digitalen Endzeit hin – die allerdings die Gefahr in sich birgt, in der Umkehrung und Verewigung des Herrschaftsverhältnisses von Mensch und Maschine zu münden.

Die Identität des Einzelnen wird in diesem Kontext durch die moderne Variante der Masse definiert: der Community. Auch sie kennt keine konkrete individuelle Verantwortung mehr, nur noch die diffuse des Kollektivs. Diese Diffusion der Verantwortung besitzt für den Einzelnen eine erregend enthemmende Kraft: Wo nur noch eine kollektive Verantwortung besteht, braucht sich niemand mehr für irgendetwas verantwortlich zu fühlen – und werden die Taten im Sinne und Interesse der Community verübt, wird auch niemand zur Verantwortung gezogen werden. Zumal der Einzelne ja doch nur das Beste will. Allerdings können, das hat eindrucksvoll der Linguist Rudi Keller am Beispiel des Sprachwandels gezeigt, intentional gleichgerichtete Handlungen der Menschen nicht-intendierte kausale Konsequenzen zeitigen. Die im wahren Leben, selbst wenn alle nur das Beste wollen, schon mal recht unangenehm ausfallen können.

Viele dieser Konsequenzen sind überraschend, manche aber durchaus vorhersehbar. Unter normalen Umständen würde, zumindest theoretisch, das juristische Prinzip des Eventualvorsatzes greifen, die ‚billigende Inkaufnahme“. Aber das interessiert die programmierte, gleichgeschaltete Community herzlich wenig. Sie gehorcht, ohne sich dessen bewusst zu sein, ihrem hypertrophierten rationalen Prinzip als der absoluten Instanz. Dadurch hat sie, so Sigmund Freud, „das Gefühl der Allmacht, für das Individuum in der Masse schwindet der Begriff der Unmöglichkeit“. Oder wie Gustave Le Bon in seinem grundlegenden Werk „Psychologie der Massen“ bereits 1895 konstatierte:

„Die Gewissheit der Straflosigkeit, die mit der Menge zunimmt, und das Bewusstsein einer bedeutenden augenblicklichen Gewalt, bedingt durch die Masse, ermöglicht der Gesamtheit Gefühle und Handlungen, die dem Einzelnen unmöglich sind.“

Es besteht die Gefahr, dass dann Unmenschlichkeit zur Normalität wird. Günther Anders sprach in diesem Zusammenhang von der „Chance zur unbestraften Unmenschlichkeit“, die prinzipiell jeder, der sich einer den anderen überlegen fühlenden Gruppe angehört, auch bereit ist zu nutzen. Egal, ob er nun ein Unmensch ist oder aber ein liebenswerter Durchschnittsbürger, der ansonsten keiner Fliege etwas zuleide tun kann.


9.
In Nevada spielt sich jedes Jahr Ende August, Anfang September ein grandioses Schauspiel ab, das mittlerweile rund 70.000 Menschen in die Einöde des Black Rock Desert lockt – das Burning Man Festival. Apostrophiert als fröhliches Fest einer Sharing-Community und Gifting-Kultur, als kommerzfreie Flucht aus dem ökonomisch dominierten Alltag wurde der Ausläufer der New-Age-Bewegung an San Franciscos Baker Beach 1986 als Sonnenwendfeier von einer Gruppe um Larry Harvey gegründet. Der fungiert heute, wie sinnig, ganz im sprachlichen Duktus US-amerikanischer Companies als CPO des Burning Man Project: ‚Chief Philosophic Officer’.

Die räumliche wie spirituelle Nähe des ersten Burning Man Festivals zum Silicon Valley und seinen Protagonisten war und ist kein Zufall. Viele der Hacker, Programmierer und Techniker der ersten Stunde standen, wie der bekennende Buddhist Steve Jobs, der Hippie- und New Age-Bewegung und ihren emanzipatorischen Idealen nahe, die auch zur Gründung der berühmten Midpeninsula Free University in Palo Alto führte. Diese rebellischen Freaks sahen in dem Computer ein im besten Sinne kommunistisches Instrument, mit dessen Hilfe sie glaubten, im Rahmen einer Sharing-Community eine bessere Welt mit besseren Menschen schaffen zu können. Sie alle tummelten sich mit Vorliebe im Umfeld des Xerox Palo Alto Research Center (Xerox PARC), des Computerspiele-Herstellers Atari, 1972 in San Jose gegründet, oder auch des berühmten ‚Homebrew Computer Club’, die allesamt zum „Schmelztiegel einer ganzen Branche“ (Harry McCracken) wurden.

Eben dieser ‚Homebrew Computer Club’, zu dessen Mitgliedern auch Steve Wozniak und, zumindest sporadisch, Steve Jobs gehörten, wollte, geleitet von ebenso utilitaristischen wie humanitären Motiven, den Traum der Hippie-Bewegung von einer antiautoritären und enthierarchisierten Welt- und Wertordnung ohne Klassenunterschiede“ (Walter Hollstein) technisch in einer Art Open Society der digitalen Welt realisieren. Das erklärte Ziel: Befreiung von den Fesseln des Establishments, das IBM verkörperte. Und Entwicklung einer revolutionären, emanzipatorischen Idee – eines Computer, der allen zugänglich ist: dem persönlichen Computer. Der PC als Symbol der freien Entfaltung menschlicher Kreativität.

War es damals ein Traum idealistischer Freaks, so ist dieser vorgebliche Altruismus heute geradezu institutionalisiert. ‚Moonshot-Projects’ werden sie bei Google genannt. ‚Moonshot’ deshalb, weil sie mindestens so ambitioniert sind wie JFKs Apollo-Mondprogramm Anfang der Sechziger. So drängt zum Beispiel ‚Google Classroom’ „mit Macht in die Klassenzimmer in aller Welt“ (Inge Kloepfer) und ‚Google Book Search’ will nichts weniger als das gesamte gedruckte Wissen der Welt digitalisieren. Alle Bücher sollen eingescannt und im Internet allen zugänglich gemacht werden, um so als Open Source entscheidend zum Fortschritt der Menschheit beizutragen.

Oder ‚X’, Googles sagenumwobene Forschungsabteilung. Aufgebaut von Sebastian Thrun und geleitet von Sergey Brin ist sie nicht allein verantwortlich für die Entwicklung von ‚Google Glass’ und ‚Google Driverless Car’, sondern auch für das wohl derzeit ambitionierteste Projekt: ‚Google Brain’ – die Verschmelzung von Computer- und Neurowissenschaft. Ausgehend von der Deep-Learning-Theorie Geoffrey Hintons, hinter der die Vorstellung menschlicher Intelligenz als singulärer Algorithmus steht, ist sie Basis für die Realisierung autonomer, selbst lernender und sich stetig selbst verbessernder Maschinen: Der Algorithmus als vollendete Abstraktion des Logos, die Maschine als hypostasierter Gipfel der Künstlichen Intelligenz.


10.
Diese bizarre, unreflektierte Symbiose aus internalisierter instrumenteller Vernunft, der utilitaristischen Komponente, und fast schon sakral definiertem Ideal einer besseren Welt und höheren Zivilisationsstufe, der humanitären Komponente, kennzeichnet die digitalen Jünger des Silicon Valley bis heute. Kein Wunder, dass das Burning Man Festival gerade in den Neunziger zur Wallfahrtsstätte auch vieler der heuten Gurus wurde: Hier konnte das menschlich immanente Bedürfnis nach Spiritualität beispielhaft befriedigt werden – in magischen Ritualen eins werden mit einer vermeintlich hierarchie- und kommerzfreien Community. 

Die sich so betont anti-ökonomisch gebenden Hohepriester des Digitalen Zeitalters wie Elon Musk stehen dem ebenso nahe wie ein Mark Zuckerberg, der vorgibt, allein im Sinne einer neuen, besseren Gesellschaft zu handeln. Die Initiatoren dieses New Age Reloaded Festivals bieten den Pilgern einen bunten Strauß an eklektizistischen Ideen, Rudolf Steiner darin nicht unähnlich. Jeder findet dort etwas Passendes. Eingebettet in eine klassisch sakrale Sprache warten die Organisatoren mit heidnischen Ritualen, magischen Zeremonien, esoterischen Kursen, okkult-mystischen Praktiken, buddhistischer Emphase, dionysischer Ekstase und Nietzsche als Spiritus rector, aber auch mit Sartre, Jung, Fromm und Elias, mit urchristlichem Kommunismus, vermeintlich gottloser Gläubigkeit und antiautoritärer, herrschaftsfreier Gesinnung in einer egalitären Gemeinschaft auf.

Bei ihrer Mission, die Zivilisation voranzubringen, wird das Burning Man Festival 2017 unter dem Motto „Radical Ritual" stehen. Was sich dahinter verbirgt? Benjamin Wachs, der unter dem beeindruckenden Titel ‚Burning Man Project Philosophical Center Volunteer Coordinator for Media Mecca’ firmiert, klärt uns unter seinem Alias ‚Caveat Magister’, der warnende Meister, mit Bezug auf C.G.Jung auf: Die westliche Kultur steckt in einer kollektiven Sinnkrise – „be reduced to a bumper sticker, it might be this one: Nietzsche Was Right.”

Gott ist tot. Und die Welt seit Freud und Einstein relativ. Die Menschen sind aber nicht dafür geschaffen, in einer relativen Welt ohne höhere Führung zu leben. Sie sind verzweifelt auf der Suche nach ihr, damit sie wissen, wer sie sind und was zu tun ist. Ohne Führung kommen sie mit den Optionen des Lebens nicht zurecht – sie sind zur Freiheit verdammt (Sartre): „Our limitless freedom makes us deathly afraid.“

Die Analyse des Caveat Magister klingt durchaus plausibel: Wir sind auf der Suche nach einer neuen zentralen Kraft, einem prophetischen Kult, weil uns die moderne Welt keinen festen Punkt bietet, der unser Leben bestimmt. Die einen finden ihn als Gott in fundamentalistischen Strukturen, die anderen in Substituten. In der Kunst, wie amerikanische Soziologe Philip Rieff meinte. Oder auch in der Technologie: „Computers, we’re told, will become so advanced, so smart, that they’ll be able to tell us what to do and who to be.“ Dann müssten wir endlich keine Verantwortung mehr für unser eigenes Schicksal übernehmen. Aber nichts da. Die Versuche „by re-creating the God of our fathers in the form of art and data will fail“ (was Ray Kurzweil wohl dazu sagt?).

Um die uns von Nietzsche prophezeiten Herausforderungen meistern zu können, müssen wir uns statt dieser Substitute Gesellschaften schaffen, die es uns ermöglichen, unser Leben ohne übernatürliche Autorität, ohne einen Gott zu leben: „Even if God is dead – especially if God is dead – we may still need sacraments.“ (Larry Harvey ) Jeder erfolgreiche Prozess beginnt also, so die Apologeten des New Age Reloaded, nicht mit nüchterner Intellektualität oder grauer Theorie, sondern mit der Gemeinschaft und den Ritualen, die diese Gemeinschaft aufrechterhalten: „Not fixed points in an eternal firmament, but moments of immanent and transcendence (...) give us experiences of spirit and soul.“

Die neue Zeit, so ihre Prediger, scheint nun gekommen. Die menschliche Gemeinschaft wird in ihr nicht mehr durch das definiert, was wir glauben, sondern durch das, was wir gemeinsam tun: Burning Man als radikal neue Art der Religion. Gottlos. Reine Spiritualität. Ein Momentum der Immanenz und Transzendenz, bestimmt von gemeinsamen Gründen, Aktivitäten, Ritualen und den Erfahrungen von Geist und Seele. Und dabei liefert uns, so CPO Larry Harvey, das Burning Man Ritual als Radical Ritual „very nearly textbook examples of religious experience“.


11.
Im Burning Man Festival wird die Vision einer Religion ohne Gott und Glaube, ohne Autorität, Hierarchie und Kommerz gelebt. Einer Religion, die allein aus dem Radical Ritual besteht, mit dem sich die Mitglieder als Gemeinschaft konstituieren. So das Mantra ihrer geistigen Väter, die sich ungeachtet der demonstrativ unreligiösen Religion, die sie predigen, durchgängig einer sakralen Sprache bedienen, um die eigene Sache gezielt zu sakralisieren. Da wird der nach-konfessionelle heilige Bezirk des Tempels beschworen, in dem sich in einer postmodernen Wallfahrt eine Erlebnisgemeinschaft entwickeln kann, die nicht dem Diktat einer kirchlichen Autorität unterliegt. Und man wendet sich dort dem ‚Media Mecca’ ebenso zu wie vom ‚Nightlife in the Sacred City’ geschwärmt wird: where magic happens“.

Ziel ist es, dass der Einzelne seiner rationalen Denkstruktur vorerst entsagt und im kollektiv-ritualisierten religiösen Erleben eine egalitäre, spirituelle Gemeinschaft konstituiert. Selbstvergessen soll er so Teil der Community werden. In ihr aufgehen. Damit einher geht sein Schritt aus der individuellen Freiheit in die Unfreiheit. Der ihm jedoch die Furcht vor der Freiheit nimmt: die Furcht, sein Leben eigenverantwortlich leben zu müssen. Denn nun ist es die Masse, die Gemeinschaft, die Sharing-Community, durch die er seine Führung erfährt. Hier gibt es keine konkrete individuelle Verantwortung mehr, nur noch die diffuse des Kollektivs. Und wo nur noch kollektive Verantwortung besteht, muss sich keiner mehr persönlich für etwas verantwortlich fühlen. Alles ist vergemeinschaftet, auch die Verantwortung. Mithin wird die innere Kontrolle wieder durch äußere Verbindlichkeit ersetzt.

Dies entspricht, obgleich ganz anders intendiert, strukturell der entzivilisierten Gesellschaft, die für alle und alles absolut gültige Normen setzt und, im schlimmsten Fall, die Barbarei zur Rückkehr einlädt (Norbert Elias).


12.
Zu behaupten, es gäbe keinen Gott, keine höheren Mächte oder gar Autoritäten mehr, bedeutet nicht, dass dem auch so ist: Wer die kollektive Konstitution einer Gemeinschaft durch gleichgerichtete intentionale Handlungen predigt, die im Rahmen betont nicht-rationaler, esoterisch-magischer Rituale und Kulte stattfindet, muss sich zum einen darüber im Klaren sein, dass sich daraus ungeahnte kausale, nicht-intendierte Konsequenzen ergeben können, die den sicherlich bestehenden guten Absichten vollends zuwiderlaufen – der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton beschrieb dieses Phänomen als das ‚Gesetz der unbeabsichtigten Folgen’.

Zum anderen muss man sich auch darüber im Klaren sein, dass solche Rituale dazu neigen, den Mythos wieder zum Leben zu erwecken und damit das Ende der Aufklärung, die Aufgabe der Individualität und die Lobpreisung der „künstlichen Masse“ (Freud) einzuläuten. Die zeichnet sich erstens dadurch aus, dass sie ihren Mitgliedern einen verbindlichen Werterahmen an die Hand gibt, der ihnen heilsgewisse Orientierung liefert und sagt, was gut und böse, was richtig und falsch, was minder-, was hochwertig ist. Zweitens dadurch, dass die Masse als Masse, in diesem Fall: als spirituelle Gemeinde, die fundamentale kulturelle Dichotomie von Innen und Außen konstituiert. Von Identifizierung und Abgrenzung. Wir und Ihr. Toleranz und Intoleranz:

„Im Grund ist ja jede Religion eine solche Religion der Liebe für alle, die sie umfasst, und jeder liegt Grausamkeit und Intoleranz gegen die nicht Dazugehörigen nahe.“
(Sigmund Freud, „Massenpsychologie und Ich-Analyse“)

Es ist ein gefährlich naiver Irrglaube zu meinen, wir könnten als Gemeinschaft gänzlich ohne Autorität leben: Ohne Führung besitzt die Masse ein Vakuum, das danach strebt, ausgefüllt zu werden. Und sei es eben durch die Gemeinschaft selber, die zwar, wie die Burning Man Community behauptet, ohne Autorität handelt, dabei sich selber aber als Autorität substituiert. Jedoch entspricht ihr kein physisches Pendant: Die ‚Gemeinschaft’ ist eine Universalie, ein Allgemeinbegriff. Sie kann somit faktisch nicht diese Autorität sein. Dies kann nur der sein, der diese Gemeinschaft bildet: der konkrete Mensch. Aber der hat nun mal die unselige immanente Tendenz, nach Höherem zu streben. Nach Macht. Was im Extrem bedeutet: sich im Besitz der Wahrheit zu wähnen und verbindliche Werte für die Mitglieder der Gemeinschaft definieren zu wollen.

Ohne rechtsstaatliche Strukturen, die den unheiligen Neigungen des Menschen Einhalt gebieten, kann auch die wundervollste Utopie schnell zur totalitaristischen Dystopie werden: Früher oder später schält sich einer heraus. Profiliert sich. Sticht andere aus. Erhebt sich über sie. Und die Masse folgt ihm wie die Lemminge.


13.
Das Primat der Ökonomisierung und Verwertbarkeit, die Herrschaft der totalen Berechenbarkeit bestimmt unsere Lebenswelt, unser Denken und Handeln. Auch das Denken und Handeln derer, die von dem Ideal einer besseren, gerechteren Welt und egalitären Gemeinschaft beseelt sind. Selbst wenn sie selbst meinen, ihre internalisierte instrumentelle Vernunft so einfach wie einen Mantel an der Garderobe abgeben zu können. Sei es, wenn sie selbstvergessen ihren emanzipatorischen Traum vom Personal Computer, vom anarchisch strukturierten Internet, der Sharing-Community oder dem weltverbessernden Algorithmus realisieren. Sei es, wenn sie ihr Verlangen nach dem Numinosen, nicht Erklärbaren, ihre Sehnsucht nach Spiritualität, nach dem Irrationalen und nur im Kollektiv mit Geist und Seele Erlebbaren zu befriedigen suchen, weil ihnen die zweckrationale Welt verständlicherweise zu kalt, zu abstrakt und zu nüchtern ist.

So sympathisch vielleicht das Eine und zutiefst menschlich das Andere ist: Was, wenn man die im Zuge der Aufklärung nahezu vollständig vollzogene Durchdringung der positivistischen Denkstruktur nicht erkennt, die darin bereits manifestierte Struktur der Herrschaftsverhältnisse ignoriert und seine individuelle, niemals davon gänzlich aufzulösende systemische und lebensweltliche Gebundenheit partout nicht wahrhaben möchte? Und dann doch den Traum von einer antiautoritären, herrschaftsfreien Community träumt und sich zudem einer radikalen Ritualität hingibt, die diesen Traum spirituell maximal überhöht? In diesem Fall wird Reflexion zwar nicht obsolet, aber nichtig. Erfolgt sie doch in einer selbstreferenziellen Filterblase: Es wird nur im inneren Zirkel diskutiert, Einflüsse von außen sind nicht vorgesehen. So ist subversive systemische Kritik ausgeschlossen, die Gefahr einer grundsätzlichen Infragestellung des gesamten Projekts gebannt: Man übereignet sich dem allseits Akzeptierten.

Da wird auch die technisch affine Generation leichte Beute für die, die diese Naivität für ihre Zwecke zu instrumentalisieren wissen: Bill Gates wusste es, als er seine Programme versilberte statt sie allen zur Verfügung zu stellen. Steve Jobs auch, als er den Menschen die Einführung des Macintosh 1984 als Akt der Befreiung von Orwells Dystopie ‚1984’ verkaufte, die IBM verkörperte. Peter Thiel weiß es, weil er die Welt zu einem Ort machen will, wo der Kapitalismus sicher gedeihen kann. Ebenso Mark Zuckerberg, der in sich den Menschen sieht, der der Zivilisation den von Peter Thiel erträumten Mechanismus der Freiheit schenken wird. Und Geoffrey Hinton sowieso, weil er in dem Algorithmus den Stein der Weisen gefunden zu haben glaubt, mit dessen Hilfe die Maschinen einmal ein Eigenleben führen werden. 


14.
1884 wurde in London eine elitäre intellektuelle Bewegung gegründet, die sich dem hehren Ziel verschrieb, die Ideen des Sozialismus weiterzuentwickeln: die ‚Fabian Society’. Sie vertrat einen gesellschaftskritischen Ansatz, für den sich insbesondere viele sozialutopisch gesinnte Intellektuelle der britischen Oberschicht begeisterten. Zu ihnen gehörten neben George Bernhard Shaw, Beatrice Webb, Annie Besant auch die Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst, später gesellte sich der Philosoph Bertrand Russell hinzu. Ihr gemeinsamer Traum war der von einer besseren Welt, von einer friedlich koexistierenden Weltgemeinschaft, getragen von einer Spezies Mensch, die der bestehenden in jeder Hinsicht überlegen ist.

Hier liegt der Schlüssel für den parallelen Bestand von Ansichten, der uns heute die Sprache verschlägt. Viele dieser Intellektuellen waren gleichermaßen von den Ideen des Liberalismus und Sozialismus beseelt wie vom Geist des Sozialdarwinismus infiziert. ‚Survival of the fittest’. Dieser Slogan des britischen Philosophen und Soziologen Herbert Spencer war ihnen eine ganz selbstverständliche, völlig unkritisch perpetuierte Vorstellung: Die Veredlung der menschlichen Rasse nicht allein durch Erziehung und Bildung, sondern durch natürliche Selektion. Und, um die Sache etwas zu beschleunigen: durch gezielte Anwendung der Erbgesundheitslehre, der Eugenik.

Ein prominentes Mitglied dieser Fabian Society, der Schriftsteller und bekennende Sozialist H. G. Wells, Autor der Science-Fiction-Klassiker ‚Der Krieg der Welten’ und ‚Die Zeitmaschine’, war, wie viele andere Mitglieder auch, ein glühender Anhänger dieser Lehre. Er hielt die Sterilisierung von Versagern für sinnvoller als Erfolgreiche stärker zu vermehren“. Und schrieb: Jene Schwärme von schwarzen, braunen sowie von gelben Völkern müssten weichen, weil sie den Erfordernissen der Effizienz nicht entsprechen, denn schließlich ist die Welt keine karitative Institution.“

Ausgehend von diesem rein nutzendefinierten Axiom einer naiven humanistischen Weltbeglückung war der Genozid für Wells eine nüchterne, sozial legitimierte Etappe auf dem langen Weg der Menschheit hin zum Ziel, eine bessere Welt zu erschaffen: „Wenn die Minderwertigkeit einer Rasse demonstriert werden kann, dann gibt es nur eines [...] zu tun – und dies ist, sie auszurotten.“ Hier ahnt man sie nicht nur, hier wird sie einem sprachlich explizit auf der Silbertablett serviert: die Nähe einer durchaus humanistischen, aber unreflektierten Gesinnung zum Grauen nationalsozialistischer Rassenhygiene.

In seinem 1914 erstmals erschienenen, geradezu prophetischen Roman ‚Befreite Welt’ (The World Set Free) entwickelte Wells eine Utopie in der Dystopie: Er beschreibt die Entdeckung einer neuartigen Energiequelle von titanischem Format, die das Ende des Kohle- und Stahlzeitalters einläutet und dabei, ungewollt, einen globalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Struktur­wandel auslöst, der den Großteil der Menschheit ins soziale Abseits befördert – die Kernenergie.

Moralisch verwerfliche Intentionen können fruchtbare Auswirkungen haben (ein Phänomen, das als ‚Mandeville-Paradox’ bekannt ist). Umgekehrt können aber auch tugendhafte Intentionen furchtbare Konsequenzen haben. So wie in diesem Fall: Mit der Entwicklung der Kernenergie geht bei Wells nicht allein ein verheerender Strukturwandel einher, sondern auch die Entwicklung der Atombombe. Und was möglich ist, das wissen wir aus der Geschichte, wird irgendwann wahrscheinlich: Die Waffe ist in der Welt. Also ist es nur eine Frage der Zeit, wann sie auch zum Einsatz kommt.

Die Katastrophe bricht mit geradezu unausweichlicher Zwangsläufigkeit über die Menschheit herein, die Welt versinkt in einem Atomkrieg apokalyptischen Ausmaßes: Ihre Vernichtung ist, ob nun absehbar oder nicht, logisches resp. wahrscheinliches, aber nicht-intendiertes Resultat intentionaler Handlungen – die Kernenergie wurde von Menschen in die Welt gesetzt, um sie besser zu machen, nicht aber, um sie zu destabilisieren oder gar zu zerstören.

Wells entwickelte aus diesem dystopischen Szenario die blendende Utopie einer schönen neuen Welt: In klösterlicher Abgeschieden­heit der Alpen finden sich Gelehrte und Politiker jenseits aller nationalen Egoismen zusammen, um die Probleme der Welt unter der universalen Herrschaft der Vernunft in Eintracht zu lösen. Diese führt zum evolutionären Endsieg des besseren Menschen, dem Übermenschen von Nietzsche’schem Format: In einem medizinischen Zentrum im fernen Himalaya beglückt die Wissenschaft, entrückt von allem Weltlichen, bis in alle Zukunft als grundgütige oberste Instanz fürderhin die Menschheit.

Was für uns heute so befremdlich klingt, ist doch ganz vertraut. Nicht allein, weil auch der bekennende Nationalist Steve Bannon, ein Rechtspopulist mit ausgewiesenem Faible für Lenin, von der völligen Zerschlagung staatlicher Ordnung als ideale Ausgangslage für den Aufbau einer schönen neuen Weltordnung schwadroniert, sondern weil uns auch Mark im Januar sein persönliches Weltbeglückungsszenario offenbarte – das Zuckerberg-Manifest „To our community“:

„Unsere größten Chancen sind heute global. (...) Der Fortschritt verlangt, dass die Menschheit nicht mehr nur in Städten und Nationen zusammenfindet – sondern in einer Weltgemeinschaft. (...) In Zeiten wie diesen gibt es für uns bei Facebook nichts Wichtigeres zu tun, als eine soziale Infrastruktur zu entwickeln, die den Menschen erlaubt, eine Weltgemeinschaft zu schaffen, die für uns alle funktioniert.“


15.
Ganz so dramatisch wie bei Wells und Bannon ist die Ausgangslage bei Zuckerberg nicht. Aber in einem Punkt treffen sie sich: Bei allen haben wir es mit einer Elite, einer auserwählten Gruppe von Menschen zu tun, die die Prinzipien entwerfen, „nach denen unsere Gesellschaft funktionieren soll“, so Thomas Schulz in seiner SPIEGEL-Titelstory. Die, die diese Vision haben, sehen in sich natürlich auch jene Auserwählte, die befugt und befähigt sind, sie umzusetzen. Das ist hier nicht anders: Der Algokrat von Facebook meint, die Menschheit mit einer globalen sozialen Infrastruktur nach seinem Gusto beglücken zu müssen, die unseren Planeten zu einer Insel der Glückseligen machen wird. Völlig altruistisch natürlich, ohne jedes ökonomisches Eigeninteresse.

Wie ehedem die Mitglieder der Fabian Society, so glaubt auch ein Großteil der Algokraten des Silicon Valley „heute an ihre Mission, die Zivilisation voranzubringen“ (Thomas Schulz). Programmieren für eine bessere Welt: Die Hohepriester der digitalen Transformation übernehmen nicht allein, was an sich ja lobenswert wäre, gesellschaftliche Verantwortung – sie hypertrophieren diese Verantwortung. So sehen sich ausgerechnet die, die beseelt sind vom Glauben an den Algorithmus als alternativlose Quintessenz der Aufklärung, in ihrem missionarischen Eifer in der Rolle als finale Heilsbringer der Menschheitsgeschichte:

„Wir müssen die Infrastruktur bauen, damit die Zivilisation die nächste Stufe erreicht und wir die Stammesfehden der Gegenwart hinter uns lassen können.“
(Mark Zuckerberg,
To our community)

Zuckerberg und die anderen Apostel der digitalen Weltreligion glauben sich aktiv einschalten zu müssen, weil die Technologie bedeutend schneller voranschreitet als die Politik reagieren kann, zumal diese oftmals nicht weiß, wie sie reagieren soll. Aber einer muss ja, so der moralisch begründete Impetus, verhindern, dass die Menschheit den Anschluss an die Digitalisierung verliert. Und wir, wie in Wells dystopischer Utopie, mit Konsequenzen konfrontiert werden, die niemand intendiert hat, die sich aber kausal aus der technologischen Entwicklung ergeben.

Geht es Zuckerberg nach eigener Aussage um den Aufbau einer zeitgemäßen Infrastruktur, die unsere globale Zivilisation auf ein geradezu übermenschliches Niveau hebt und damit ihr Überleben sichert, so verfolgen Forscher und Unternehmer wie Stephen Hawking, Bill Gates, Sam Altman oder Peter Thiel einen anderen Ansatz. Denn sie umtreibt der Gedanke, dass die Menschheit am Ende ihr Dasein als sklavischer Diener der von ihr selbst erschaffenen, selbst lernenden und selbst verbessernden Maschinen fristen wird.

Diese Gruppe, Initiatoren des Non-Profit Forschungszentrums ‚OpenAI’ (AI – Artificial Intelligence), will uns vor dieser Apokalypse bewahren. Hier gäbe es kein Odysseus mehr, der gefesselt dem Gesang der Sirenen lauschen würde. Hier gäbe es nur noch uns, die Geknechteten, die sich zeitlebends dumpf in die Riemen zu legen haben. Ohne Aussicht auf Erlösung für Menschheit und Zivilisation. Und dummerweise auch ohne jede Chance darauf, seinen eigenen ökonomischen Erfolg in Freiheit auszukosten.


16.
Die verwegendste Idee für ein globales Rettungsprogramm stammt dabei vom Tesla-Chef Elon Musk, der uns alle, bevor es endgültig zu spät ist, zu Cyborgs mutieren lassen will: Mit Hilfe implantierter neuronaler Chips sollen sie/wir zukünftig imstande sind, die Maschinen mit ihren/unseren Gedanken zu steuern, damit nicht sie uns eines Tages steuern werden.

Der Grat, auf dem er wandert, um die Menschheit zu retten, ist jedoch ein ganz schmaler. Denn hier ist, vielleicht ungewollt, der Schritt vom Transhumanismus zum Posthumanismus und damit die radikale und finale Transformation der Zivilisation als menschlicher Lebensform und der Spezies Mensch in ein Hybrid gedanklich bereits vollzogen. Rationalität wird da nicht mehr vom Menschen, sondern von der Maschine aus gedacht. Ganz so, wie es der britische Philosoph der neoreaktionären Bewegung, Nick Land, propagiert: Der vom Menschen abgekoppelte Algorithmus wäre endgültig das Maß aller Dinge, nicht mehr der Mensch.

Das „posthumanistische Zeitalter“ (Ray Kurzweil) wäre angebrochen, in dem die Kreaturen, die wir geschaffen haben, die ewige Herrschaft übernommen hätten (ob sich Horkheimer/Adorno dieses Szenario wohl als finale furioso der Aufklärung hätten träumen lassen?). Aber auch diese Weißen Ritter der Menschheit lassen keinen Zweifel daran, dass die rein nutzenorientierte Weltsicht, diese vollständig von der Maßgabe der Produktivität und Funktionalität beherrschte Denkstruktur, die einzig richtige ist. Ja: die einzig mögliche. Völlig alternativlos. Auch sie setzen so ganz unbefangen den zweckrationalen Blick absolut. Perpetuieren die Herrschaft der instrumentellen Vernunft, die sich verselbständigt zu haben scheint.

Ungeachtet ethischer Fragestellungen und möglicher unbeabsichtigter Konsequenzen wird in den diversen kalifornischen Think Tanks mit einem geradezu messianischen Sendungsbewusstsein an den biotechnischen Grundlagen für eine vermeintlich höhere Zivilisationsstufe der Menschheit gearbeitet. So grübelt in Facebooks Innovationslab ‚Building 8’ die aus der militärisch-industriellen Wissenschaft stammende ehemalige Leiterin der Abteilung für innovative Forschung bei Google, Regina Dugan, mit ihrem Team über die Technologie, Wörter per Gedankenübertragung von Computern schreiben zu lassen.

Das kalifornische Unternehmen ‚Unity Biotechnology’, finanziert unter anderem von Jeff Bezos und Peter Thiel, rückt unter dem Slogan „Age Different“ sogar niemand geringerem als dem Tod auf den Leib: „Ich bekämpfe ihn lieber“, so Peter Thiel. Eine Kampfansage, die auch Google an den Tod gerichtet hat: Google gründete 2013 die Forschungsabteilung ‚Calico’ mit dem Auftrag, den Code der Alterung zu knacken. Ein Auftrag, dem sich auch die SENS Foundation verschrieben hat, eine Non-Profit Organisation in Mountain View unter der Leitung des schillernden britischen Bioinformatikers Aubrey de Grey, der das Altern rein auf ungünstige biochemische Prozesse zurückführt, die durch gezieltes Beeinflussen gestoppt oder umgekehrt werden können“.

Sie alle handeln sicherlich nur in bester Absicht, glauben vielleicht wirklich an das Gute im Menschen. Doch leider sind sie damit ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will – und bisweilen eben auch das Böse schafft. Oder es zumindest nicht verhindert. Denn das Böse lauert nicht im System. Das ist immer wertneutral. Es lauert im Menschen. Und es gibt nun einmal immer jemanden, der das, was in bester Absicht erschaffen wurde, für seine dunklen Zwecke instrumentalisiert. In diesem Fall ist es die posthumanistische neoreaktionäre Bewegung im Silicon Valley, die mit keinem geringeren Anspruch antritt als den, „die Rationalität, die als emanzipatorisches Fortschrittsprojekt angetreten war, neu zu programmieren“, so Mark Siemons in der F.A.S.:

Sie ist es, die die noch recht abstrakt erscheinende Gefahr der Künstlichen Intelligenz, die keine anderen Wertvorstellungen perpetuiert als die der Nutzwerte, in eine greifbare, konkrete Gefahr verwandelt.


17.
Nietzsche. Immer wieder Nietzsche. Als Spiritus rector ist er allgegenwärtig. Im Guten wie im Bösen. Damit dokumentiert er leibhaftig, wie schmal der Grat ist, auf dem sich die Vertreter des humanistischen Ideals von der Evolution der Menschheit hin zu einer höheren Zivilisationsstufe bewegen. Auf seinen Zenit zu, wo der Mensch sich selbst „durch Verwirklichung neuer Möglichkeiten (...) überwindet“ (Julian Huxley) und dabei den Übermenschen gebiert (oder ist es, wenn dieser Berg kreißt, vielleicht doch nur eine Maus?).

Im Umfeld der Fabian Society war Nietzsche ebenso präsent wie im Nationalsozialismus. Auch Horkheimer und Adorno beriefen sich auf ihn als den „unerbittlichen Vollender der Aufklärung“. Ebenso die New Age Bewegung. Der Transhumanismus, ihr führender Vertreter war Julian Huxley, der Bruder des Schriftstellers Aldous Huxley (‚Schöne neue Welt’), Humanist, Menschenrechtler, Biologe, Atheist, erster UNESCO-Generalsekretär und Eugeniker (sic!), tut es heute noch. Wie auch der Posthumanismus, der die Ansicht vertritt, die Evolution der Menschen sei an ihr Ende gekommen und allein im Durchgang der ‚Technologischen Singularität’ (laut Geoffrey Hinton die Phase, in der die sich stetig selbst verbessernde Künstliche Intelligenz der Computersysteme der menschlichen überlegen zeigt) ein neues Stadium der Menschheit und Zivilisation erreicht werden kann. Beim ‚Burning Man Festival’ schwebt Nietzsche über allem. Nicht anders bei den radikalen Neoreaktionären um Nick Land, ehedem ein linker Theoretiker, der einst, wie Mark Siemons schreibt, „den Kapitalismus durch dessen Beschleunigung zu überwinden“ gedachte. Heute reüssiert er als Posthumanist, der die menschliche Geschichte durch die „techno-kommerzielle Singularität“ neu schreiben will.

Der Transhumanismus ist eine philosophische Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten, ob intellektuell, physisch oder psychisch, im Sinne einer „Verpflichtung zum Fortschritt“ der Zivilisation durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Julian Huxley, Vertreter eines evolutionären Humanismus und Namensgeber dieser Konzeption, sprach sich für eine „wissenschaftliche Religion“ aus. Eine Religion ohne Gott und Offenbarung, die den Menschen als höchstem Produkt der Evolution dazu befähigt, eben diese Evolution wissenschaftlich zu kontrollieren und die menschliche, soziale und kulturelle Entwicklung durch eugenische Eingriffe wie die Gentechnik über den Punkt hinaus zu führen, der eigentlich menschenmöglich ist (was Bruder Aldous wohl dazu gesagt hat?).

Das Silicon Valley steht ganz in der Tradition eben dieser transhumanistischen Philosophie und einer aus ihrer Sicht gänzlich positiv aufgefassten Eugenik. Drum knüpft auch die gesamte Forschung zur Anwendung neuer und künftiger Technologien an das humanistische Ideal von der Sicherung des Wohls des Menschengeschlechts an. Sei es in der Nanotechnologie, der Gentechnik oder regenerativen Medizin, sei es bei der Entwicklung der Superintelligenz und Erforschung von Gehirn-Computer-Schnittstellen, um dereinst das Hochladen des menschlichen Bewusstseins in digitale Speicher zu ermöglichen.

Was uns die Wissenschaft und Technologie an radikalen Chancen zur Änderung und Verbesserung bietet, müssen wir erkennen und antizipieren, so das Credo des transhumanistisch geprägten Silicon Valley. Wir müssen lernen, von diesen Optionen aus zu denken und nicht von unseren gottgegebenen Möglichkeiten, die uns allzu enge Grenzen setzen. Gott ist tot, wir haben seine Funktion übernommen. Nur dass wir uns mit dieser Substitution nicht mehr in den beklemmenden paradiesischen Grenzen bewegen werden, die uns der alte Herr gesetzt hat, sondern zum absoluten Herrscher über Leben und Tod machen, wie es Ray Kurzweil, der Prophet der Singularität, freudig verkündet. Gemeint ist“, so Heike Buchter und Burkhard Straßmann in der ZEIT, „die Ankunft des wahren Erlösers – der lang ersehnte Triumph der künstlichen Intelligenz über die menschliche. Die Singularität ist der Zeitpunkt, an dem die künstliche Intelligenz die Kontrolle über das Schicksal der Erde übernimmt.“

Damit wäre das finale Stadium der Evolution erreicht. Die Herrschaft des Algorithmus als oberste Autorität, die einhergeht mit dem Verlust menschlicher Autonomie. Als Gegenleistung erhalten wir unendliches Bewusstsein, eingebettet in einem künstlichen Gehirn. Inkl. einer ewigen Sicherheitskopie mit Unsterblichkeitsgarantie: 

Wenn wir die gesamte Materie und Energie des Weltalls mit unserer Intelligenz gesättigt haben, wird das Universum erwachen, bewusst werden – und über phantastische Intelligenz verfügen. Das kommt, denke ich, Gott schon ziemlich nahe.“ (Ray Kurzweil)


18.
Es ist dies die messianische Vision des dem Transhumanismus entwachsenen Posthumanismus: Die biologische Menschheit hat den Gipfel ihrer Evolution längst erreicht. Nichts geht mehr. Wollen wir die nächsthöhere Entwicklungsstufe intelligenten Lebens erklimmen, müssen wir in ein Zeitalter nach der Menschheit eintreten. Dort liegt die Evolution aber nicht mehr in unseren Händen, sondern in denen einer Künstlichen Intelligenz, die uns in allem überlegen ist.

Das Ideal einer solchen, unser aller Vorstellungsfähigkeit sprengenden Superintelligenz hat der britische Mathematiker und Kryptologe Irving John Good bereits 1965 formuliert:

„Eine ultraintelligente Maschine sei definiert als eine Maschine, die die intellektuellen Fähigkeiten jedes Menschen, und sei er noch so intelligent, bei weitem übertreffen kann. Da der Bau eben solcher Maschinen eine dieser intellektuellen Fähigkeiten ist, kann eine ultraintelligente Maschine noch bessere Maschinen bauen; zweifellos würde es dann zu einer explosionsartigen Entwicklung der Intelligenz kommen, und die menschliche Intelligenz würde weit dahinter zurückbleiben. Die erste ultraintelligente Maschine ist also die letzte Erfindung, die der Mensch zu machen hat.“

Es mag sein, dass durch den damit verbundenen technologischen Fortschritt die Dauer der menschlichen Lebenserwartung bis zur biologischen Unsterblichkeit erweitert werden kann. Aber was haben wir davon? Die Algorithmen werden weit intelligenter, schneller, effektiver und widerspruchsfreier agieren als wir Menschen. Sie werden Selbstbewusstsein entwickeln, über eine Identität und freien Willen verfügen. 

Die Übernahme realer Macht wäre dann, so der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem Buch 'Homo Deus’ nur noch eine Frage der Zeit. Der einst von uns selbst ins digitale Leben gesetzte Algorithmus wäre jener Übermensch, der uns minderbegabten Wesen paternalisch sagen wird, was wir zu tun und lassen haben. Was gut, richtig, angemessen und förderlich ist. Und wenn wir nicht systemisch angemessen funktionieren – sei’s drum. Dann wird uns der unsterbliche Algorithmus eben den Stecker ziehen. Schon aus rein systemimmanenten Gründen.

„Als Cyborg ewig leben.“ Ist das, was Florian Rötzer 1997 in einem SPIEGEL special noch als Zukunftsvision beschrieb, wirklich der einzige Weg, um die Herrschaft der Maschine über den Menschen noch zu verhindern? Diese These von Elon Musk wurde in Europa Anfang des letzten Jahrhunderts schon einmal euphorisch begrüßt: Filippo Tommaso Marinetti, ideologischer Kopf der protofaschistischen Futuristen, propagierte im Geschwindigkeitsrausch der Automobilisierung bereits damals die Menschmaschine, die vollständige „Identifizierung des Menschen mit dem Motor".

Eben jene Futuristen begeisterten sich zudem an den von dem französischen Chirurgen und Biologen Alexis Carrel 1908 erstmals vorgelegten Ergebnissen zur Organtransplantation, die sie emphatisch als die „Zukunft des neuen Menschen’“ priesen, in der dieser in ein mechanisches Wesen transformiert wird – eine visionäre Vorstellung, die der australische Schriftsteller Max Barry 2012 in seinem Roman ‚Maschinenmann’ wieder aufleben ließ.

Dass sich Alexis Carrel als eingefleischter Eugeniker begeistert zu den rassehygienischen Maßnahmen der Nationalsozialisten äußerte und von der Überlegenheit der „weißen Rassen“ zutiefst überzeugt war, ist kaum verwunderlich.


19.
Der Grat, der humanistische Ideale von rassistischen Theoremen trennt, ist schmaler, als so manchem lieb sein dürfte – jeder Sozialutopie, die von einem wie auch immer gearteten Fortschritt der Zivilisation und Menschheit träumt, wohnt eine gefährliche Ambivalenz inne. Das hat nicht nur die kommunistische Idee leidvoll erfahren müssen. Eine jede Intention kann zu unbeabsichtigten kollektiven, kausalen und nicht-intendierten Konsequenzen führen wie auch ein jedes Ideal als geistige Manövriermasse von Gruppierungen vereinnahmt werden kann, die auf Basis diametral entgegengesetzter Axiome mit diesem Ideal gänzlich andere Intentionen verfolgen.

Eine neoreaktionäre Gang junger Intellektueller um den Software-Ingenieur Curtis Yarvin alias Mencius Moldbug, ‚NRx’, hat die kruden, aber an sich wertneutralen
posthumanistischen Visionen Ray Kurzweils und Geoffrey Hintons okkupiert, um sie als Mittel zum Zweck der Implementierung ihres rassistisch-autoritären Weltbildes zu nutzen. Die rein funktional definierte Rationalität des Algorithmus, den der Mensch selber erschaffen hat, wird anstelle der umfassenden Rationalität des Menschen zum Maß der Dinge erhoben: Es geht den esoterischen Apologeten einer digitalen Autokratie darum, diese Maschinenintelligenz zu antizipieren und so „die menschliche Vernunft zu verändern“. Diese Übernahme der Perspektive und ihre Absolutsetzung führt, wie Mark Siemons konstatiert, die Rationalität als „emanzipatorisches Fortschrittsprojekt“ geradewegs dialektisch „in eine totalitäre Dystopie“.

Für Neoreaktionäre von Curtis Yarvin bis Nick Land hat sich die Demokratie als „dysfunktionales System“ disqualifiziert. Nicht nur bei dem amerikanischen Philosophen Jason Brennan, auch bei ihnen steht Platons Staatstheorie wieder hoch im Kurs: Nur die Intelligentesten dürfen an der Herrschaft beteiligt werden. Und Intelligenz ist natürlich, so ihr rassistisches Dogma, unter den Ethnien ungleich verteilt, da genetisch bedingt. Was wiederum als ultimative Legitimation sozialer und ökonomischer Ungleichheit dient.

Ein allzu beklemmendes Szenario? Ja, vielleicht. Die renommierte US-amerikanische Tageszeitung ‚Politico’ berichtete unlängst, so Mark Siemons, Steve Bannon, ‚frontman’ der Alt-Right-Bewegung und Chefberater Donald Trumps, habe sich mit eben jenem neoreaktionären Curtis Yarvin zu einem Gedankenaustausch getroffen.


20.
Was tun?



http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/trump-berater-stephen-bannon-ist-fan-von-marine-le-pen-14953081.html